Sonderordnungen
Normative Diversität im 19. und 20. Jahrhundert

Forschungsfeld

Das Unternehmen als Sonderordnung: Werkstatt der Zeitzer Eisengießerei und Maschinenbau AG (1919)

Die Rechtsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Ambivalenz aus. Auf der einen Seite war es die Zeit der großen Kodifikationen, die weitgehend von der Gleichheit der Rechtsadressaten ausgingen und weite Lebensbereiche umfassend und einheitlich regelten. Dieses auf Universalität zielende Recht repräsentierte – jedenfalls was die justizielle und rechtswissenschaftliche Aufmerksamkeit betraf – das Rechtssystem. Auf der anderen Seite machten sich weiterbestehende oder neue soziale Differenzen sowie die funktionale Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft durch immer neue Regelungsbedürfnisse für bestimmte Gruppen und Sonderlagen bemerkbar. Hinzu kamen Ausdifferenzierungszwänge, die sich ergaben aus dem umfassenderen Anspruch des Staates auf die Regulierung weiterer Regelungsbereiche, vor allem in der Sozial- und Wirtschaftspolitik, sowie dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt entspringende neue Regelungsbedürfnisse. Dies konnte resultieren in der Ausdifferenzierung des staatlichen Rechts selbst, aber auch in der Schaffung autonomer oder semi-autonomer rechtlicher Sonderordnungen.

Mit dieser Problemlage sind zahlreiche grundsätzliche Fragen der modernen Rechtsgeschichte verbunden: Welche Flexibilisierungsstrategien lassen sich im staatlichen Recht beobachten? Welche nichtstaatlichen Rechtsordnungen entwickelten sich? In welchem Maße verbanden sich partikulare religiöse, kulturelle, technische, sozialpolitische und ökonomische Rationalitäten mit dem Recht? Welche justiziellen Sonderordnungen entwickelten sich? Entstanden neue Konzepte von Recht und Rechtsgeltung? Im Forschungsfeld „Sonderordnungen“ sind Projekte versammelt, die dies am Beispiel bestimmter Sektoren oder Gruppen untersuchen oder sich der zeitgenössischen rechtswissenschaftlichen Reflektion des Problems widmen.

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