Zuständiger Wissenschaftler

Prof. Dr. Caspar Ehlers
Caspar Ehlers
Gruppenleiter Rechtsgeschichte Deutscher Orden
Telefon: +49 (69) 789 78 - 163

Vernetzung im Forschungsprofil

Forschungsprojekt | Abteilung I/II

Zusammenhänge von Raum, Recht und Religion zwischen Spätantike und Hochmittelalter

Otto III. mit den ihn umgebenden Provinzen Germania, Francia, Italia und Alamannia
Otto III. mit den ihn umgebenden Provinzen Germania, Francia, Italia und Alamannia

Betrachtet werden soll, mit einigen Einschränkungen, das Gebiet östlich des Rheins bis zur Elbe und nördlich des Mains. Aus römisch-spätantiker Sicht handelt es sich um die Grenzregionen des vom Limes umschlossenen Herrschaftsgebiets längs des Rheins, des Rhein-Main-Gebiets (Wetterau und Frankfurter Raum) inklusive der "Germania Magna", dem außerhalb des Grenzwalls gelegenen Raumes bis hin zur Nordseeküste und der Elbe, welcher gleichwohl römisches Interessens- und Handlungsgebiet war. Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Transformationsprozesse, die mit den verschiedenen Kulturationsübergängen (römisch – nicht römisch; fränkisch – nicht fränkisch; christlich – nicht christlich) einhergehen und unter dem Gesichtspunkt der "langen Dauer" miteinander vergleichbar gemacht werden können. Stichworte dafür sind die Integrationen von Räumen und von Personen in eine Religion, in durchaus lokal unterschiedliche Rechtsvorstellungen und andere weltliche Ordnungsmuster, die Zeit brauchen. Es kommt also darauf an, das Fließende zu beobachten, nicht das Statische. Rückwirkend etwas übertragen zu wollen, hieße ja, die Dynamik auszublenden zugunsten einer überzeitlichen, rekonstruierten Stabilität.

Solche Transformationen lassen sich in erster Linie anhand der Versuche nachweisen, neue Ordnungsmuster auf einen Raum zu übertragen, wobei in der Regel ein abgestuftes hierarchisches Binnensystem erkennbar wird, das sich sowohl an den schriftlichen Quellen erweisen lässt als auch anhand der Überreste archäologischer oder bauhistorischer Art. Vor allem die narrativen Schriftquellen bezeugen die Errichtung von Herrschaft sichernden Strukturen, etwa durch die Einrichtung zentraler Orte der Herrschaft und ihrer Peripherie. Zumeist geht damit die Übertragung der rechtlichen und religiösen Vorstellungen der "neuen" Herren einher, was an den rechtlichen Schriftquellen abgelesen werden kann. Der vermutlich erfundene Bericht vom Erlass der Lex Saxonum durch Karl den Großen zu Beginn des 9. Jahrhunderts wäre ein Beispiel für eine Sinn- und Identitätsstiftung, die zugleich das neue Recht zu einem "alten" macht. In den erhaltenen Rechtsquellen findet sich diese doppelte Legitimation denn auch wieder. Im Rahmen des Projekts ist deshalb vorrangig zu untersuchen, inwieweit die tatsächlichen oder erfundenen Traditionen älterer Rechtsvorstellungen ein notwendiges Mittel zur Integration gewesen sind. Durch die Einbindung der geschichtswissenschaftlichen Nachbardisziplinen dürfte es darüber hinaus zu erreichen sein, den rechtshistorischen Ergebnishorizont zu erweitern, indem mit einem möglichst breiten Blickwinkel die skizzierten Übertragungen von Normen und Konfigurationen nachvollzogen werden.

Gedacht ist (erstens) an die Einbindung in die universitäre Lehre, (zweitens) die Bearbeitung von Einzelthemen im Rahmen von Qualifikationsarbeiten und (drittens) die Zusammenarbeit mit verschiedenen bestehenden Forschungsverbünden sowie Institutionen innerhalb und außerhalb der Universitäten. Dabei sollte besonderes Augenmerk neben der interdisziplinären Kooperation innerhalb Deutschlands auch der internationalen Zusammenarbeit gelten. Dabei bieten sich als aussichtsreiche Vergleichsräume wegen der kulturellen Verflechtungen im 8. bis 10. Jahrhundert Westfrankreich und England aber auch, nicht nur in kunsthistorischer Sicht, Italien und Nordfrankreich an.

 
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