Zuständiger Wissenschaftler

PD Dr. Peter Collin
Peter Collin
Wissenschaftler Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“
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Vernetzung im Forschungsprofil

Kompetenzbereich

Treffräume juristischer und ökonomischer Regulierungsrationalitäten

abgeschlossen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zog sich der Staat weitgehend aus der Wirtschaftssteuerung zurück. Zugleich beschnitt er die Macht intermediärer Institutionen, die bis dahin einzelne Sektoren der Wirtschaft wettbewerbsfrei organisiert hatten. In diesem Sinne kann man von einer Deregulierung des Marktgeschehens sprechen. Die nunmehr entstehende Lücke wurde jedoch nicht nur durch die freie vertragsmäßige Koordination der Privatrechtssubjekte ausgefüllt. Parallel dazu entwickelten sich Regelungsarrangements, in denen gesellschaftliche Selbstregulierung und staatliche Regulierung miteinander verknüpft wurden. Dabei konnte teilweise auf Organisationsformen der ständischen Gesellschaft zurückgegriffen werden, die modifiziert und weiterentwickelt wurden, teilweise schuf man neuartige Regelungsinstrumente (siehe das Projekt "Regulierte Selbstregulierung in rechtshistorischer Perspektive"). Die Kombination staatlicher und gesellschaftlicher Strukturlogiken fand dabei sowohl innerhalb als auch außerhalb des staatlichen Organisationsgehäuses statt.

In den maßgeblichen rechtsdogmatischen Systemkonzeptionen wurde die Herausbildung derartiger Rechtsformen lange Zeit nur unzureichend reflektiert. Die Wissenschaft vom öffentlichen Recht dachte "vom Staat her" (Frieder Günther). Partiell allerdings öffnete sie sich diesen Phänomenen. Das betraf beispielsweise die rechtliche Ausgestaltung von Verkehrs- oder Versorgungsinfrastrukturen oder von Einrichtungen funktionaler Selbstverwaltung, aber auch die Regulierung der Kriegswirtschaft. – Doch von welchen Gestaltungsvorstellungen ließ man sich dabei leiten? Welche Impulse aus anderen Wissenschaftsdisziplinen flossen in die juristischen Ausarbeitungen ein?

Das Projekt befasst sich mit der Frage, welche ökonomischen Vorstellungen in Regulierungskonzeptionen zum Tragen kamen, also in rechtlichen Vorstellungen, die nicht nur auf faire Formen individuellen Interessenausgleichs abzielten, sondern übergreifende Gestaltungsvorstellungen für ganze Wirtschaftssektoren enthielten. Bei der Untersuchung des Verhältnisses von Recht und Ökonomie geht es dabei weniger um in eine Richtung wirkende Rezeption, sondern vor allem um wechselseitige Beeinflussungen und Irritationen. Im Mittelpunkt stehen einzelne aufbauorganisatorische, verfahrensmäßige, aber auch publizistische Begegnungsarenen, in denen juristische und ökonomische Rationalitäten aufeinandertreffen konnten. Aufmerksamkeit finden Formen „gelungener“ Kooperation ebenso wie die wechsel- oder einseitiger Instrumentalisierung oder offenkundiger Ignoranz. Wesentliche Ergebnisse finden sich in dem Sammelband „Treffräume juristischer und ökonomischer Regulierungsrationalitäten“.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die die Untersuchung juristisch-ökonomischer Wechselbezüge im frühen 19. Jahrhundert wie sie in Realisierungsformen staatlicher Wirtschaftsförderung und der Debatte darüber sowie im Streit über Berechtigung von Privilegien zum Ausdruck kamen.

Publikationen

1.
Peter Collin (ed), "Treffräume juristischer und ökonomischer Regulierungsrationalitäten", in Moderne Regulierungsregime, (2014), Vol. 3, pp. VII, 235.
2.
Peter Collin, "Ökonomisierung durch Bürokratisierung. Leitkonzepte und Umsetzungsstrategien in der tayloristisch beeinflussten Verwaltungsreformdebatte der Weimarer Republik", in Eine intelligente Maschine? Handlungsorientierungen moderner Verwaltung (19./20. Jh.), edited by Peter Collin and Klaus-Gert Lutterbeck (Nomos, Baden-Baden, 2009), pp. 217-231.
3.
Peter Collin, "Staatliche Kapitalhilfe für Unternehmen. Nationalökonomische Konturierungen polizeiwissenschaftlicher Lehren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts," Rechtsgeschichte: Zeitschrift des Max-Planck-Instituts für Europäische Rechtsgeschichte Rg 15, 126-144 (2009).

Tagungen

Workshop: 9.-10. Juni 2011

Treffräume juristischer und ökonomischer Regulierungsrationalitäten

Tagungsbericht auf H-Soz-U-Kult vom 11.8.2011

 
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