Zuständiger Wissenschaftler

Dipl.-Soz. Gerd Bender
Gerd Bender
Wissenschaftler, Europabeauftragter
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Vernetzung im Forschungsprofil

Forschungsprojekt | Abteilung II

Sozial-Regulierung und moderner Korporatismus

Nach einer sich schnell verbreitenden Einschätzung steht die industrielle Gesellschaft im globalen Maßstab vor einem großen Umbruch. The second machine age oder Industrie 4.0 markieren einen unmittelbar bevorstehenden technologischen Schub der Digitalisierung und Roboterisierung, der das Produktionsregime im kommenden Jahrzehnt grundlegend verändern dürfte. Und schon in dieser Umbruchphase kündigt sich mit Blick auf  avancierte Formen von Learning Systems wiederum Neues an: die Zukunft der Zukunft, wenn man so will. Vor allem die Perspektiven der Arbeit, der auf Arbeit bezogenen Regulierungen und die Rolle, die kollektive Arbeitsmarktakteure dabei noch spielen können, sind Gegenstand einer sich intensivierenden Debatte. Diese Debatte vollzieht sich vor einem ausgedehnten historischen Hintergrund, an dessen Konfiguration die Subdisziplin Arbeitsrechtsgeschichte als Spezialist für turbulente Institutionen maßgeblich mitzuwirken hat.

Die Regulierung der Arbeitsbeziehungen und der sozialen Sicherheit zählte und zählt zu den großen Themen der industriegesellschaftlichen Epoche. Das historische Feld ist (in Deutschland seit den 1870er Jahren) geprägt von einem starken Vertrauen in die Sozialverträglichkeit der neuen Marktwirtschaft, von ebenso starker Kritik des Marktversagens, von einer Wiederkehr des aktiven Staats, der das Problem des Politikversagens mehr oder minder erfolgreich verdrängt, und von Verbänden, die eine teilsystemische Selbstregulierung als den neuen Königsweg zwischen Markt und Staat für sich entdecken. Sie gründen ihre Ansprüche auf Autonomie und Partizipation mehr und mehr auf diese überlegene Regulierungskompetenz und formen die korrespondierenden Rechtfertigungsnarrative zu komplexen Legitimationsgebäuden aus.

Auf dem europäischen Kontinent kommt es zu teilweise heftigen Reaktionen. Die selbstregulative Welt der korporativen Akteure – ihrer Kommunikationssysteme und Vernetzungen – gerät in die Perspektive des Staates. Selbstregulierung wird durch staatliche Normen überformt, das sich entfaltende kollektive Arbeitsrecht, das mit dem neuartigen Regulierer Tarifautonomie gekoppelt wird, avanciert zur prototypischen Rechts-Innovation. Regulierte Selbstregulierung bezeichnet das Muster der neuen Staatlichkeit, des erweiterten Staats oder des politischen Systems mit seiner immer reichhaltigeren Peripherie der mit dem Staat als Systemzentrum verknüpften Verbände.

In diesem Kontext der verflochtenen Regulierung treten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und bis in die Gegenwart hineinreichend Strategien der Befestigung und Verdichtung in Erscheinung. Die modernen Assoziationen erfahren in diesen Strategien eine Art Korrektur, indem sie dem öffentlichen Status der alten Korporationen angenähert werden. Die Verbände sollen die öffentliche Rolle, die ihnen zugewachsen ist annehmen und den Staatsbezug in ihre Selbstbeschreibung einbauen. Im Gegenzug haben sie staatliche Anerkennung und Berücksichtigung zu erwarten (neo-korporatistischer trade off). Rechtszwang und Staatsintervention sind bei Korporatismus-Versagen freilich nicht ausgeschlossen und bleiben am Eventualhorizont der strukturellen Zukunft – verfassungsrechtlich mehr oder weniger domestiziert – in jedem Falle präsent.

Das Projekt versucht, diesen tripartistischen Konnex einschließlich seines Widerhalls im Rechtssystem im historischen Längsschnitt zu erfassen. Deutsches Untersuchungsmaterial steht dabei im Vordergrund. Andere nationale Rechtsordnungen werden nach Kräften  - über wissenschaftlichen Austausch und Kooperation organisatorisch vermittelt – eingeblendet, um den. die Globalisierung überdauernden varieties of capitalism und den damit verknüpften pluralen Regulierungsregimes angemessen Rechnung zu tragen.

 
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