Forschungsfeld

Recht und Diversität – rechtshistorische Perspektiven

Die Spannungen zwischen Gleichheit und Ungleichheit als Gerechtigkeits- und Verteilungsprinzipien sowie zwischen allgemeiner und Einzelfallgerechtigkeit dürften zu den Grunderfahrungen jeder normativen Ordnung zählen. Sie haben ihre Konjunkturen. Die Rechtsgeschichte zeugt davon – und von immer neuen Versuchen, diese Spannungslagen durch institutionelle Arrangements und besondere Schutzregime aufzuheben.

Das kontinentaleuropäische Rechtssystem beruht auf dem Prinzip der Gleichheit. Doch wird heute verstärkt danach gefragt, wie dieses gleichheitsbasierte System auf die zunehmenden Forderungen reagiert, individuelle und kollektive Sonderlagen stärker zu berücksichtigen. Diese Fragen werden in der Debatte um kulturelle Diversität diskutiert, aber auch im Kampf um die Begründung von Differenzierungen ökonomischer und sozialpolitischer Natur. Zum Teil werden ganz konkrete Veränderungen im materiellen Recht oder im Verfahrensrecht gefordert. Nicht selten wird sogar gezweifelt, ob und wie lange unser gleichheitsbasiertes Rechtssystem überhaupt in der Lage ist, diesen Herausforderungen zu entsprechen, ohne sich in seinen Grundstrukturen selbst zu verändern.

Im Forschungsfeld ‚Recht und Diversität – rechtshistorische Perspektiven‘ sind Forschungsvorhaben zusammengeführt, die zu diesem Reflexionsprozess mit spezifisch rechtshistorischer Expertise beitragen möchten. Das geschieht  auf zwei Ebenen. In einem ersten Bereich – Recht und Diversität: rechtshistorische Erfahrungen – wird die Frage nach institutionellen Arrangements und Schutzregimen in eine rechtshistorische Perspektive gestellt. Dazu werden historische Regelungsregime und Ordnungsentwürfe aus ganz unterschiedlichen Epochen und Regionen daraufhin befragt, wie sie individuelle oder kollektive Lebenslagen berücksichtigt haben. In einem zweiten Bereich - Recht und Diversität in Lateinamerika heute: Geschichte der Regulierung und die Rolle der Geschichte werden die einschlägigen Diskussionen in Lateinamerika analysiert und deren theoretisches Potential für das transnationale rechtswissenschaftliche Gespräch über die rechtliche Ordnung diverser Gesellschaften erschlossen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Historisierung der Debatte sowie der Frage, wie Geschichtsbilder in diesen rechtspolitischen Debatten genutzt werden.

 

Forschungsprojekte

Jüngere Publikationen (Auswahl)

1.
Deardorff, M.: The Ties That Bind: Intermarriage between Moriscos and Old Christians in Early Modern Spain, 1526–1614. Journal of Family History 42 (3), S. 250 - 270 (2017)
2.
Härter, K.: Cultural Diversity, Deviance, Public Law and Criminal Justice in the Holy Roman Empire of the German Nation. In: Law Addressing Diversity: Pre-modern Europe and India in Comparison (13th to 18th Centuries), S. 56 - 94 (Hg. Ertl, T.; Kruijtzer, G.). De Gruyter Oldenbourg, Berlin (2017)
3.
Cacciavillani, P.: Los reclamos indígenas y la praxis judicial: comentarios sobre la permeabilidad de los jueces en Argentina. In: Diversità e discorso giuridico. Temi per un dialogo interdisciplinare su diritti e giustizia in tempo di transizione, S. 197 - 222 (Hg. Meccarelli, M.). Dykinson, Madrid (2016)
4.
Collin, P.: Ehrengerichtliche Rechtsprechung im Kaiserreich und der Weimarer Republik: Multinormativität in einer mononormativen Rechtsordnung? Rechtsgeschichte - Legal History Rg 25, S. 138 - 150 (2017)
 
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