Zuständiger Wissenschaftler

Vernetzung im Forschungsprofil

Kompetenzbereich

Recht macht alt

Zur Strukturierung des menschlichen Lebenslaufs seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert

abgeschlossen

Rechtliche Regelungen leisten einen wichtigen Beitrag zur sozialen Definition des Lebensalters. In diesem Sinne macht Recht „alt“. Mehr noch, Recht unterteilt den menschlichen Lebenslauf in einzelne Lebensphasen.

Martin Kohli hat in den 1980er Jahren das Konzept des institutionalisierten Lebenslaufs entwickelt. Es beruht auf der empirischen Auswertung wichtiger Zäsuren in modernen Lebensläufen. Der institutionalisierte Lebenslauf zeigt, dass im Zentrum die durch Sozialversicherungssysteme strukturierte Erwerbsbiographie steht. Für sie wird der Jugendliche ausgebildet, und der Rentner erntet im arbeitsfreien Ruhestand im Idealfall deren Früchte. Dieser typische Lebenslauf ist keinesfalls eine anthropologische Konstante. Er entstand in mehreren Schritten seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Eine genauere rechtshistorische Betrachtung zeigt, dass die Gründe für die Entstehung dieses Modells einerseits vielfältig sind, dass aber andererseits gerade juristische Regelungen erheblichen Anteil an der Entstehung dieses Lebenslaufmusters haben. Welchen Beitrag leistete also das Recht an der Entstehung des institutionalisierten Lebenslaufs? Der Beantwortung dieser Frage widmet sich das Habilitationsprojekt, das im Rahmen der selbständigen wissenschaftlichen Forschungsgruppe Lebensalter und Recht entsteht.

Dabei gilt es, zunächst zwei Voraussetzungen für die Entstehung dieses Modells herauszustellen: die gewandelte demographische Struktur und neue Verwaltungstechniken. Wenn weite Teile der Bevölkerung mit hoher Wahrscheinlichkeit das so genannte „Dritte Lebensalter“ erreichen und der Staat die Biographien seiner Bevölkerung statistisch erfasst, bestehen erst die Voraussetzungen für die Etablierung eines uniformen Lebenslaufmodells durch Recht.

Im Hauptteil der Studie soll historisch rekonstruiert werden, wie die Jugend und der Ruhestand zunehmend von der eigentlichen Erwerbsbiographie getrennt wurden. Entsprechend widmet sich der erste Teil der Entstehung der Lebensphase Jugend. Zeitlich setzt deren rechtliche Abgrenzung vom eigentlichen Erwachsenenalter und ihre Binnenstrukturierung Ende des 18. Jahrhunderts ein. Bevor mit dem Jugendfürsorge- und dem Jugendstrafrecht das eigentliche „Jugendrecht“ im Wesentlichen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, konturierten andere Rechtsgebiete die Zeit bis zur Erreichung der Volljährigkeit. Insbesondere die Durchsetzung der Schulpflicht und die Etablierung strukturierter Ausbildungsgänge und -inhalte haben das Leben junger Menschen nachhaltig geprägt. Ausbildung und sogar Teile der Erziehung wurden mittels zahlloser verwaltungsrechtlicher Bestimmungen zunehmend „verstaatlicht“. Dem staatlichen Interesse an der Erziehung tüchtiger Bürger hatten sich familiäre und wirtschaftliche Interessen unterzuordnen. Entsprechend flankierten etwa die Fabrikarbeitsverbote für Kinder die Durchsetzung der Schulpflicht. Auch nach der Schule endet die Intervention rechtlicher Regelungen nicht. Im bürgerlichen Recht lässt sich beobachten, dass die absolute Vormachtstellung der Familie und hier insbesondere des Vaters zunehmend relativiert wird. Zunächst nur bei gesellschaftlichen Randgruppen, dann aber auch allgemein wird in das elterliche Erziehungsrecht auf vielfältige Weise eingegriffen. Die flexible Lösung durch die „emancipatio“, zu unterschiedlichen Zeitpunkten junge Menschen in die Welt der Erwachsenen aus der väterlichen Obhut zu entlassen, weicht im 19. Jahrhundert einem festen Alter der Volljährigkeit. Dieses liegt mit 24 oder gar 25 Jahren zunächst sehr hoch. Überhaupt sinkt erst im 20. Jahrhundert das Alter, in dem man jungen Menschen bürgerliche Rechte und das Wahlrecht zuerkennt. Schloss man zuvor durch andere Filter wie Geschlecht, Einkommen, Stand und indirekte Wahlen weite Teile der Bevölkerung von der politischen Teilhabe aus, so bleibt seit 1918 nur noch das eigentliche Alter als Filter. Man kann sagen, dass die Altersgrenzen für Teilhabe kontinuierlich sinken und sie sich so von „oben“ der von „unten“ ausgedehnten längeren Ausbildungsphase annähern.

Das eigentliche „Alter“ beginnt nach Selbstauskünften vieler Menschen mit dem Eintritt in den Ruhestand. Statistisch betrachtet endet die Berufstätigkeit durchaus früher, und doch ist die Altersgrenze 65 die wohl wirkmächtigste Zäsur überhaupt. Die historische Entstehung und der Siegeszug der 65, die im Einzelfall eine 62 oder 70 sein kann, sollen im zweiten Teil des Buches beschrieben werden. Historische Vorbilder stammen aus dem Wehr- und Beamtenrecht. Die Bismarck’sche Sozialversicherung wählte dann zunächst 70 Jahre als Altersgrenze. Schon bald wurde sie auf 65 Jahre gesenkt, um dann mit einer Varianz von wenigen Jahren diesen fulminanten Siegeszug anzutreten. Die Altersvorsorge für Landwirte und freie Berufe orientiert sich an ihr genauso wie das Zulassungsrecht für Notare und Kassenärzte und die Pensionsregelungen für Beamte. Mit dem Argument nachlassender Leistungsfähigkeit und der Generationengerechtigkeit wird bis heute jede Höchstaltersgrenze in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts „gehalten“. Dies blieb auch dann so, als sich die Leistungsfähigkeit älterer Menschen nachhaltig verbesserte. Auch die gewandelte demographische Struktur westlicher Gesellschaften sorgt dafür, dass schon bald nicht mehr hinter jedem ausscheidenden älteren Arbeitnehmer ein nachdrängender junger Mensch steht. Selbst das aus den USA übernommene Recht gegen Altersdiskriminierung klammert in seiner europarechtlichen Form die Altersgrenzen der Sozialversicherungssysteme aus und verfestigt so die Dreiteilung des menschlichen Lebenslaufs noch immer. Die längere Lebenserwartung nötigt den Gesetzgeber zu Nachjustierungen bei den Ruhestandsgrenzen, ohne dass dadurch das tradierte Muster aufgegeben wird.

Die Forderungen nach einer Flexibilisierung des Lebenslaufs werden lauter und häufiger. Die rechtshistorische Analyse zeigt aber, dass hierfür viele Grenzen abgebaut werden müssen. Dem individuell frei einteilbaren Lebenslauf stehen zahllose fein aufeinander abgestimmte Altersgrenzen und altersspezifische Regeln entgegen. An ihnen orientieren sich individuelle Lebensplanungen und diese Altersgrenzen sind ihrerseits an tradierten kulturellen Mustern ausgerichtet. Wer Menschen nun zu anderen Zeitpunkten ein neues soziales Alter zuweisen möchte, der sollte auf diese stabilen rechtlichen Strukturen und ihre historische Genese achten.

 
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