Koordination

Dipl.-Soz. Gerd Bender
Gerd Bender
Wissenschaftler, Europabeauftragter
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Forschungsschwerpunkt

Multinormativität

Die geradezu grundlegende Frage aller Beschäftigung mit „Recht“ ist die nach dem Verhältnis von dem, was wir „Recht“ nennen, zu anderen Regeln, die der Verhaltenssteuerung und Erwartungssicherung dienen, aber nicht als „Recht“ verhandelt werden – also etwa solchen der Moral, der Religion, aber auch der Technik oder Pragmatik. Diese klassische Frage nach dem Besonderen des „Rechts“ ist stets von Rechtsphilosophie, Rechtstheorie, Rechtssoziologie und auch der Rechtsgeschichte erörtert worden. Doch hat sie eine neue Virulenz bekommen. Denn neigte die etatistisch orientierte, von einem positivistisch-monistischen Rechtsbegriff geprägte Rechtsgeschichtswissenschaft des 19. und weiter Teile des 20. Jahrhunderts dazu, den historischen Beobachtungsraum teleologisch auf die Vorstellungen von „Staat“ und mit diesem zusammengedachten „Recht“ hin zu strukturieren, so haben sich seit ca. drei Jahrzehnten die kritischen Anfragen an dieses reduktionistische Bild von Normativität verstärkt. Kulturhistorische Perspektiven, eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Bedeutung des Religiösen und die Öffnung für das komplexe Feld nicht-staatlicher Normen, die Begegnung mit nicht-europäischen Rechtsgeschichten, schließlich auch die Sensibilität für nicht-staatliches Recht und Governance als einem gegenüber Government komplexeren Muster sowie das langsame Eindringen postkolonialer und aus der Globalgeschichte stammender Perspektiven: All dies hat normative Welten abseits von Staatlichkeit in das Aufmerksamkeitsfeld der Rechtsgeschichte gerückt. Das legt – jenseits bloß semantischer Zugeständnisse – zugleich neue Akzente in der rechtshistorischen Forschung nahe. Gerade im interkulturellen Dialog geht es darum, unsere Beobachtungen konsequent nicht mehr von unserem eigenen Vorverständnis von „Recht“ her zu organisieren und zugleich nach der Robustheit, Eigenständigkeit und Eigengesetzlichkeit der unterschiedlichen modi von Normativität zu fragen, sowie die Differenzierungsprozesse zwischen ihnen zu untersuchen. Der Forschungsschwerpunkt Multinormativität stellt diese für alle Forschungsprojekte wichtigen Fragen in den Mittelpunkt. Er richtet sich besonders an die Arbeiten zur Koexistenz juridischer und außerjuridischer Varianten von Normativität einschließlich der damit verbundenen Dimension der Normimplementation, zu Konflikten und Synergien im Ensemble der normativen Schichten und zur Relevanz der multinormativen Konstellationen für den Strukturaufbau des Rechts im historischen Verlauf.

 
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