Leiter der Max-Planck-Forschungsgruppe

Doktoranden

Sabine Arheidt, Assessorin
(am Institut bis 12/2010)
Thilo Engel, Master (Rechtsw.), Maîtrise (Philos.)
(am Institut bis 08/2008)
Birgit Fastenmeyer, Assessorin
(am Institut bis 10/2007)
Helmut Landerer, M.A. (Historiker)
(am Institut bis 07/2012)
Christian Lange, Assessor
(am Institut bis 01/2011)
Kathrin Linderer, Assessorin
(am Institut bis 04/2010)
Riccardo Marinello, Assessor (MaxNetAging)
Tatjana Mill, Assessorin
(am Institut bis 06/2008)
Dorothea Noll, Assessorin
(am Institut bis 06/2008)

Vernetzung im Forschungsprofil

Kompetenzbereich

Lebensalter und Recht

Max-Planck-Forschungsgruppe

abgeschlossen
Kolorierter Kupferstich aus Nürnberg um 1835 Bild vergrößern
Kolorierter Kupferstich aus Nürnberg um 1835

Die Max-Planck-Forschungsgruppe „Lebensalter und Recht“ wurde am Institut von 2005-2012 gefördert.

Recht macht alt. Man kann auch sagen: Recht macht jung. Hinter dieser etwas plakativen Formulierung steht die Annahme, dass Alter das Resultat einer sozialen Definition ist. Rechtliche Regelungen in Form von Altersgrenzen und altersspezifischen Normen weisen uns heute in jeder Lebenssituation einen rechtlichen Altersstatus zu. Dies reicht von einem Zeitpunkt vor der eigentlichen Geburt bis zum Tod, ja sogar einige Rechte nach dem Ableben werden normiert. Solche Altersgrenzen sind im Recht keineswegs neu, ihre Zahl ist allerdings seit 1750 massiv gestiegen. So trat an die Stelle eines sozialen Alters, das an den Status anknüpfte, ein kalendarisches Alter, das die modernen Lebensläufe stärker synchronisierte. Altersgrenzen wurden zunehmend strikter durchgesetzt, dem Gesetzgeber dienten sie zur Erziehung und Bewirtschaftung, dem Individuum zur Planung des Lebenslaufs.

Nach der Segmentierung des Lebenslaufs in die drei großen Lebensphasen Jugend, Erwerbsbiographie und Alter kam es wiederholt zu Versuchen, ein Jugendrecht oder ein Recht der Älteren als eigene Rechtsgebiete zu etablieren. Das Jugendrecht hatte eine erste Konjunktur Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Jugendstraf- und Jugendfürsorgerecht. Hohe Geburtenraten und eine allgemeine Begeisterung für die Jugend in Jugendstil und einer heterogenen Jugendbewegung bildeten gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Diesem Jugendrecht liegt der Gedanke zur adäquaten Erziehung moderner Staatsbürger zugrunde, ein Gedanke, der auch als Einfallstor für totalitäre Vorstellungen im Nationalsozialismus dienen sollte. Dagegen ist das Recht der Älteren vergleichsweise jung. Es verdankt seine Entstehung aus den Wurzeln der Armen- und Seuchenpolizei einerseits der steigenden Zahl Hochaltriger und andererseits einem neuen Grundrechtsverständnis sowie der Erweiterung des Antidiskriminierungsrechts auf alte Menschen. Im Zuge dieser Entwicklung geraten in der Rechtsprechung zunehmend starre Altersgrenzen unter verstärkten Legitimationsdruck. Man kann etwas zugespitzt formulieren, dass nun wieder das kalendarische Alter zugunsten eines sozialen Alters verdrängt wird. Danach ist man in unterschiedlichen sozialen Kontexten zu unterschiedlichen Zeiten und je nach eigener Lebenssituation alt oder jung. Im Vordergrund stehen dabei die längstmögliche gesellschaftliche Teilhabe und die Wahrung der menschlichen Würde und Autonomie auch im Alter.

Die Selbständige Forschungsgruppe „Lebensalter und Recht“ hat sowohl die Entwicklung zur Strukturierung des Lebenslaufs als auch die Verrechtlichung einzelner Lebensphasen näher erforscht. Dies geschah in engem Austausch mit Historikern, Demographen, Ökonomen und Lebenslaufsoziologen. Deren meist empirische Befunde wurden von den Mitgliedern der Forschungsgruppe mit Normativität in einen neuen Rahmen gesetzt. So entstanden seit 2005 mittlerweile sieben Dissertationen, eine Habilitation und ein Sammelband. Die Bandbreite der Themen reicht dabei von der Regulierung der Kleinkindphase in den Kinderbewahranstalten des 19. Jahrhunderts über die weibliche Erwerbsbiographie in der Rentenversicherung bis zum Recht der Hofübergabeverträge oder dem Recht des Vierten Lebensalters. Der Sammelband „Lebensalter und Recht. Zur Segmentierung des menschlichen Lebenslaufs durch rechtliche Regelungen seit 1750“ enthält neben Beiträgen Externer die wesentlichen Ergebnisse der Forschungsgruppe. Allen Arbeiten gemeinsam ist die Erkenntnis, dass Recht als Ordnungskategorie für menschliche Lebensläufe durch Demographen, Historiker, Lebenslaufsoziologen und Ökonomen nicht ausreichend berücksichtigt wurde und wird. Insbesondere die recht starre und sich durch demographische Änderungen allenfalls behutsam ändernde Dreiteilung des Lebenslaufs ist wesentlich durch wichtige Altersgrenzen strukturiert. Steht am Anfang des Lebens vor allem die durchschnittlich immer länger dauernde Schul- und Ausbildungszeit, so ist der Eintritt in das Dritte Alter nach wie vor durch den Renteneintritt bestimmt. Auch wenn dieser statistisch im Durchschnitt etwas vor der eigentlichen Altersgrenze erfolgt, so bleibt diese doch wesentliche Bezugsgröße. Der Eintritt ins Rentenalter folgt dabei nur langsam und deutlich verzögert der verlängerten Lebenserwartung. So wird für eine nicht geringe Zahl von Menschen der Ruhestand mittlerweile zur längsten Lebensphase, die wiederum mittlerweile in ein Drittes und Viertes Lebensalter unterteilt wird.

Auch die Jugend hat sich als eigene Lebensphase seit 200 Jahren immer weiter ausgedehnt. Meine eigene Habilitation befasste sich mit dieser Entwicklung. Im 19. Jahrhundert „entsteht die Jugend“ als eigene Lebensphase. Rechtliche Regelungen erkennen spezifische Bedürfnisse junger Menschen an und behandeln sie nicht mehr wie kleine Erwachsene. Nach der Durchsetzung der Schulpflicht entsteht ein eigenes Jugendstrafrecht und Jugendwohlfahrtsrecht. Die Arbeit wird zunehmend aus der Lebenswirklichkeit junger Menschen verdrängt, der Gedanke der Sozialdisziplinierung wird zunehmend durch echte Schutzgesetze ergänzt. Das rechtliche Konzept von Jugend entsteht im „langen 19. Jahrhundert“. Lange wurde es bei jungen Männern mit der Wehrpflicht beendet. Heute wird zunehmend auch das Studium in ein verlängertes „Jugendrecht“ einbezogen. Die rechtliche Strukturierung der Jugend wie des Alters war und ist nach wie vor, wenn auch in abnehmendem Maß, am Modell der männlichen Erwerbsbiographie orientiert.

Die Monographien und weiteren Veröffentlichungen der Forschungsgruppe haben wiederholt in überregionalen Zeitungen wie der FAZ, der Frankfurter Rundschau und auch in Radiosendungen Beachtung gefunden. Es zeigt sich, dass vor allem bei Historikern, Lebenslaufsoziologen und Demographen erhebliches Interesse an der Einbeziehung von Normativität in die eigenen Forschungen besteht. Darüber hinaus liegen etwa 25 Rezensionen im Wesentlichen zu den Monographien vor.

 
loading content