Zuständiger Wissenschaftler

Dr. Christoph H.F. Meyer
Christoph H.F. Meyer
Wissenschaftler
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Vernetzung im Forschungsprofil

Forschungsprojekt | Abteilung II

Kanonistik im deutschsprachigen Raum zwischen 1350 und 1550

Die Geschichte des Kirchenrechts ist seit dem 19. Jahrhundert Gegenstand rechtshistorischer Forschung, die vor allem den Quellen und der Literatur, den Institutionen sowie der Wissenschaftsgeschichte gewidmet ist. Die sich über fast zwei Jahrtausende erstreckende kirchliche Rechtsentwicklung ist ungleichmäßig erforscht. Im Mittelpunkt des Interesses steht traditionell eine als klassisch apostrophierte Epoche, deren Anfang mit dem Decretum Gratiani (um 1140/1145) und deren Ende zumeist zwischen den Clementinen (1317) und dem Großen Abendländischen Schisma (1378) angesetzt wird. Innerhalb dieses Zeitraums konzentriert sich die Forschung vorwiegend auf das Jahrhundert zwischen Gratians Dekret und dem Liber Extra (1234).

Das Arbeitsvorhaben, das der Geschichte der Kanonistik als Wissenschaft vom Kirchenrecht gilt, setzt da ein, wo das Interesse der Rechtshistorie zumeist endet, und zwar in der Mitte des 14. Jahrhunderts und reicht bis zum Konzil von Trient (1545 – 1563). Der so umrissene Zeitraum wird mitunter als nachklassische Epoche der Kanonistik bezeichnet. Dies lässt bereits erahnen, wie schwer es der Forschung fällt, der spätmittelalterlichen Kirchenrechtswissenschaft gerecht zu werden. Das zeigt auch das bis heute wichtigste Nachschlagewerk, der 1877 veröffentlichte zweite Band von Johann Friedrich von Schultes Geschichte der Quellen und Literatur des canonischen Rechts. Abgesehen von großen Lücken in der Materialerfassung und einer mitunter konfessionell verzerrten Darstellung leidet das Werk nicht zuletzt an einer verengten Wahrnehmung des Gegenstandes, die Folge einer Übertragung moderner säkularer Rechtsvorstellungen auf die kirchliche Rechtskultur des Spätmittelalters ist. Was sich nicht als „juristische Materie“ darstellt, wird als Teil einer Recht und Moral vermengenden „Beichtstuhljurisprudenz“ bestenfalls kursorisch erwähnt. Auf der Strecke bleibt so nicht nur das, was theologisch, kirchenpolitisch oder anderweitig „unjuristisch“ erscheint, sondern auch die Einsicht, dass es vielfältige Formen von Normativität gab, die allesamt eine wichtige Rolle für die Ausprägung einer gelehrten Rechtskultur nördlich der Alpen gespielt haben.

Auf der Grundlage des heutigen Forschungsstands richtet das Projekt den Blick auf die spätmittelalterliche Kanonistik im deutschsprachigen Raum, die in dreierlei Hinsicht Gegenstand einer Bestandsaufnahme ist, und zwar in Bezug auf einschlägige Werke, ihre Verfasser und den institutionellen Kontext. Dabei geht es im Rahmen einer ersten bio-bibliographischen Datenaufnahme nicht nur um kanonistische Werke im engeren Sinne, sondern auch um solche theologischer und didaktischer Provenienz, soweit sie vorrangig kirchenrechtlich relevante Themen behandeln. Zu berücksichtigen sind ferner jene eher praxisorientierten Werke der zweiten und dritten Reihe, die in der älteren Forschung mitunter als "populäre Literatur" (Repertorien, Abbreviaturen, etc.) abqualifiziert worden sind, aber durch ihren erweiterten Leserkreis große Wirksamkeit entfalteten. Durch den Blick auf die Literaturgattung, den Autor und die institutionellen Zusammenhänge (z. B. eines Ordens oder einer Universität) ergeben sich Facetten eines umfassenderen Bildes der Kanonistik im späten Mittelalter. Auf längere Sicht sind über die Erforschung der Kirchenrechtsgeschichte auch weitergehende Einsichten zur Geschichte des jus romanum, d. h. des anderen großen gelehrten Rechts im deutschsprachigen Raum zu erwarten.

 
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