Zuständige Wissenschaftlerin

PD Dr. Christiane U. Birr
Christiane U. Birr
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Vernetzung im Forschungsprofil

Forschungsprojekt | Abteilung II

Entstehung außerstaatlicher Normen und Verfahren zwischen religiöser Prägung und kultureller Fremdheit im protokolonialen Zentralafrika

Wie entstehen Normen in einem staatslosen, interkulturell geprägten Umfeld? Wie erlangen die Regeln von Gemeinschaften, in denen multiple Kulturen aufeinander treffen, Verbindlichkeit, wie wird ihre Einhaltung kontrolliert und nötigenfalls forciert? – Außerstaatliche Entstehung und Durchsetzung von Normen, Aufbau und Institutionalisierung von Verfahrensstrukturen erscheinen aus der historischen Perspektive eher als Regelfall denn als Ausnahme, und zu allen Zeiten dient gerade die Begegnung mit dem Anderen zur Schärfung des Bewusstseins für den unaufgebbaren Kern der eigenen kulturellen Identität. Ein Beispiel für Prozesse interkultureller Selbstvergewisserung, für kulturübergreifende Normsetzung und Normdurchsetzung bietet die Geschichte des europäischen Ausgreifens auf Zentralafrika seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Kolonisierung im eigentlichen Sinn ging eine Phase von Forschungsreisen und intensiven Missionsbemühungen voran, in denen die Europäer das zentrale Afrika für sich entdeckten. David Livingstone lenkte mit seinen ersten beiden Reisen das Augenmerk der europäischen Öffentlichkeit – vor allem in Großbritannien – auf das Gebiet der heutigen Staaten Malawi, Mozambique, Tansania und Sambia. Den Forschungsreisenden folgten christliche Missionare, die in mancher Hinsicht den Grundstein für das britische Empire in Afrika legten. Dabei ist in der historischen Forschung bis heute das Zusammenspiel von Mission und Empire ein häufig bemühter, aber nur selten untersuchter Topos. Die spezifische Rolle der Missionen in der indigenen politischen Welt aber ist von britischen Historikern erst vor wenigen Jahren entdeckt und thematisiert worden; rechtshistorisch fundierte und quellenbasierte Studien über die beidseitig verlaufenden, interkulturellen Transferprozesse von Rechtsvorstellungen und Normen fehlen, obschon beispielsweise Mitte des 19. Jahrhunderts britische Missionare etwa im pazifischen Raum veritable Gesetzbücher für indigene Herrscher erarbeiteten und bei ihrer Implementierung juristische Hilfestellung leisteten. In Afrika nimmt Nyasaland, das heutige Malawi, eine besondere Stellung ein. Weil es in diesem Gebiet keine Bodenschätze in nennenswertem Umfang gab, blieb es lange am Rand der europäischen wirtschaftlichen und kolonialen Interessen. Als ein Kerngebiet innerafrikanischer Akquisition von Sklaven nahm es dagegen eine zentrale Stellung ein als Missionsgebiet und als Aktionsfeld im propagierten „Kampf gegen den Sklavenhandel“. Einmalig ist dabei, dass seit den 1850er Jahren englische und schottische Missionare sich auf beiden Gebieten intensiv engagierten, dabei aber jahrzehntelang außerhalb jeglicher europäischer Staats-, Verwaltungs- und Rechtssphäre blieben. Zu beobachten ist also nicht der sonst für die Kolonialzeit typische Zusammenstoß kirchlicher und staatlicher Institutionen und Zielsetzungen, sondern ein alleiniges Agieren der (privat finanzierten und organisierten) Missionseinrichtungen. Bei dem Aufbau dauerhafter Präsenzen inmitten afrikanischer Herrschaftsstrukturen waren so christlich-europäische und indigene Rechtsvorstellungen, Institutionen und Politikziele miteinander in Einklang zu bringen. Die Missionsstationen erwiesen sich stets (geplant oder ungeplant) als Nuclei afrikanisch-europäischer Gemeinwesen, in denen hybride Normen und – vor allem – hybride Verfahren zur Normfindung und Normdurchsetzung entstanden. Komplementär zu strukturell-komparativen Forschungsansätzen, wie sie etwa im Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies betrieben werden, fokussiert das Projekt auf empirische Studien. Untersucht werden zunächst die Entstehung und Implementierung interkultureller, religiös geprägter Rechtsformen aus europäischer Sicht in drei britischen, protestantischen Missionsstationen im protokolonialen Nyasaland (Magomero, Bandawe/Livingstonia, Blantyre), wobei sich die jeweils verfolgten Strategien der Missionare zur eigenen Eingliederung in lokale politische und rechtliche Strukturen, zur Definition und Durchsetzung eigener Positionen erheblich unterscheiden. In jedem Fall entstanden, soviel zeichnet sich ab, hybride Normen, deren Verbindlichkeit stets neu zwischen den beteiligten Akteuren ausgehandelt und gegebenenfalls durch Sanktionen bekräftigt werden musste. Ein Gewaltmonopol war weder auf afrikanischer noch auf europäischer Seite gegeben, so dass jede inner- wie intersegmentäre Konfliktlösung auf Konsens bildende, interkulturelle Verfahren angewiesen war, die sich allmählich zu hybriden Prozessstrukturen verfestigten. Im Zentrum der Untersuchung stehen damit Fragen nach Prozessen des in beide Richtungen stattfindenden Austausches und interkulturellen Lernprozesses und nach den religiös-europäischen Zentralpositionen, die aus Sicht der Missionare unaufgebbar in die neuen Normen und ihre Implementierung integriert werden mussten.

Der zeitliche Rahmen der Untersuchungen orientiert sich an der Errichtung der ersten europäischen Mission (1858/59), der Einrichtung des British Central Africa Protectorate (1891) und seiner Umwandlung in das Nyasaland Protectorate (1907). Mit dem beginnenden 20. Jahrhundert wurde eine britische Protektoratsverwaltung etabliert, die dem autonomen Handeln der Missionsstationen in civil matters ein formales Ende bereitete.

 
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