Forschungsprojekt | Abteilung I

Eine rechtsgeschichtliche Analyse der Verfassungsentwicklung der britischen westindischen Inseln von 1500 bis 1900

Die „Caribbean Oikoumene“ ist ein Gebiet von großer welthistorischer Bedeutung, das durch seine gemeinsame Geschichte als älteste Kolonialregion mit der extremsten Erfahrung von Kolonialisierung sowie der äußerst bemerkenswerten Dramatik im Bereich der kulturellen Modellierung der modernen Welt vereint wird.“ [1] Dieser historische Prozess war das Ergebnis der Erschließung indigener Gebiete durch Europa nach der Expansion des portugiesischen Nationalstaats auf Übersee-Gebiete im frühen und mittleren 15. Jahrhundert.

Der europäische Expansionismus wurde gestützt durch die rechtliche Vorherrschaft über indigenes Land, wie von Spanien und Portugal seit 1494 praktiziert. Erst seit dem 16. Jahrhundert spielte Großbritannien eine aktive Rolle, indem es andere europäische Mächte  in der Karibik herausforderte. Im Konkurrenzkampf der europäischen Mächte um die Erlangung indigener Gebiete wechselten viele karibische Kolonien mehrfach den Besitzer. Zur Zeit des Zweiten Pariser Friedens im Jahr 1815 jedoch herrschte Großbritannien als dominierende Seemacht über die Mehrzahl der karibischen Kolonien und konsolidierte dadurch die British West Indies.

Seit Aufnahme der Plantagenwirtschaft galt das Prinzip der parlamentarischen Souveränität auf den British West Indies, wozu auch die Souveränität des Parlaments über die nationalen Gesetzgeber sowie die damit einhergehende Kompetenz, Gesetze für die Kolonien zu erlassen, gehörte.

Die Einführung des common law in den British West Indies lässt sich nur vor dem historischen Hintergrund verstehen, vor dem sich das britische Rechtssystem entwickelte.

Ziel dieses Forschungsvorhabens ist es herauszuarbeiten, inwiefern Großbritannien das Rechtssystem der West Indies zunächst im Hinblick auf die Sklaverei, und später im Kontext der post-emanzipatorischen Gesellschaft formte, ein Prozess, der aufgrund der rassischen Spaltungen noch erschwert wurde. Hervorzuheben ist, dass der „Amelioration Act“ von 1798 einen bedeutenden Einfluss auf die rechtliche Gestaltung der Plantagengesellschaften (insbesondere der von Trinidad) sowie auf verfassungsrechtliche Regelungen hatte. Dieser Einfluss soll näher untersucht werden.

So diente zum Beispiel die Übertragung des  englischen Grundstückrechts als  Kontrollinstrument sowie zur Festlegung der Identität der Siedler als englische und ab 1707 als britische Staatsbürger. Die zentralistische/koloniale Rechtsordnung, die das Recht britischer Staatsangehöriger auf Eigentum und Freizügigkeit  aufrechterhielt, rechtfertigte dies, wie auch den Sklavenhandel, auf Grundlage rassistischer Dogmen. Diese Dogmen stellten “Neger“ als eine eigenständige Spezies dar. Es herrschte die Vorstellung, dass Schwarze, ähnlich wie Tiere, einer minderwertigen Spezies angehörten, da beide eine große Resistenz gegen Gelbfieber aufwiesen. Derartige rassistische Haltungen und Auffassungen wurden durch das später vorherrschende Denken der Aufklärung im Hinblick auf unterschiedliche Menschentypen und deren äußere Unterscheidungsmerkmale noch verstärkt.

Die Entwicklung der Plantagen erfolgte auf der Grundlage englischen Grundstückrechts,  das den Weg ebnete für die Bildung von Verwaltungsbezirken und Gemeinden. Die Vererbung von Grund und Boden sowie von Sklaven fand vorrangig in der männlichen Linie - vor allem des ältesten ehelichen Sohnes - statt. Die Anwendung dieser Gesetze und Bestimmungen durch die Klasse der Plantagenbesitzer auf den British West Indies führte zum Ausschluss aller übrigen Bewohner, wie der befreiten Schwarzen oder Menschen gemischter Herkunft, meist die unehelichen Kinder der Plantagenbesitzer. Somit führte diese Gesetzgebung nicht nur zur Entstehung eines Klassensystems, sondern zudem zu einer auf Eigentumsrechten und Hautfarbe basierenden Rassentrennung.



[1] Sidney Mintz (1996) Enduring Substances, Trying Theories: The Caribbean Region as Oikumene, Journal of the Royal Anthropological Institute 2, no.2, pp. 289-311.