Doktorandin

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Prof. Dr. Karl Härter
Karl Härter
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Vernetzung im Forschungsprofil

Promotionsprojekt | Abteilung II

Die Regulierung ehelicher Konflikte im linken Rheinland und in Frankreich in der revolutionären und napoleonischen Zeit (1792/98-1814)

Eheliche Konflikte und ihre Regulierung sind mit sozialen Ordnungsprozessen vielfältig verflochten. Sowohl kulturell beeinflusste Vorstellungen von sozialer und sexueller Devianz wie auch religiöse und rechtliche Normen spielen eine Rolle bezüglich dieses Elements sozialer Ordnung. Der angewendete Konfliktregulierungsmodus kann von Mediation über Vergeltung zu Bestrafung variieren und diverse soziale Akteure können darin involviert sein. Die Konzepte sozialer Ordnung, die der normativen und praktischen Regulierung ehelicher Konflikte zugrunde liegen, sind historisch betrachtet jedoch stets veränderlich gewesen. Ausgehend von diesen grundsätzlichen Überlegungen wird in der Dissertation eine vergleichende Fallstudie durchgeführt, deren Untersuchungsobjekt die Regulierung ehelicher Konflikte im linken Rheinland und in Frankreich zwischen 1798 und 1814 ist.

Im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons, einer Ära tiefgreifenden sozioökonomischen und politischen Wandels zwischen der Frühen Neuzeit und der Moderne, wurden in Frankreich zwei wesentliche Änderungen im Bereich der Eheregulierung eingeführt. Zum einen wurde das Eherecht verweltlicht: Es wurde der Gesetzgebung und Jurisdiktion der (katholischen) Kirche gänzlich entzogen und der des Staates übertragen. In der Praxis bedeutete dies beispielsweise die Proklamation des Prinzips der Zivilehe (1791) und die Verwirklichung dieses Prinzips durch die in der Frühen Neuzeit erstmalige Einführung eines säkularen Scheidungsrechts (1792). Zum anderen wurde das Eherecht entkriminalisiert. Ehebruch beispielsweise sollte nicht länger Gegenstand juristischer Bestrafung sein. Die revolutionären Gesetzgeber hatten ein Eherecht intendiert, das den Bürgern ein großes Maß an individueller Freiheit erlauben sollte. Dementsprechend wurde die Regulierung ehelicher Konflikte weitgehend Familie und Freundeskreis überantwortet, welche das Recht hatten Scheidungen in sogenannten assemblée de famille (‚Familienversammlungen‘) mit den Eheleuten zu verhandeln. Die Funktion des Staates wurde auf administrative Aufgaben begrenzt. Zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Eherechts des Code civil unter Napoleon (1803) hatten sich die Absichten – und gleichzeitig die Konfliktregulierungsmittel – der Gesetzgeber verschoben. Die Aufrechterhaltung von Ehen, die als die kleinste Einheit sowie als Miniaturspiegelbild des Staates erachtet wurden, entfaltete sich als das höchste Ziel. Folglich wurde die Verantwortung für Scheidungsverfahren von den Familienversammlungen auf die Zivilgerichte übertragen. Die vermittelnde Instanz war somit der privaten Sphäre entzogen und der öffentlichen zugeordnet worden. Ein weiterer Aspekt der erneuten Bedeutung einer offiziellen Jurisdiktion in der ehelichen Konfliktregulierung war die Rekriminalisierung des weiblichen Ehebruchs. Als die vormals deutschen Territorien des linken Rheinufers aufgrund der französischen Erfolge im Ersten Koalitionskrieg in den französischen Staat integriert wurden, wurden die revolutionären (1798) und später die napoleonischen Ehegesetze (1803) in diese Gebiete ‚exportiert‘.

Vor diesem Hintergrund zielt die Untersuchung darauf ab herauszufinden, wie das säkulare Scheidungsrecht als ein neues (und zumindest teilweise oktroyiertes) Mittel ehelicher Konfliktregulierung in verschiedenen kulturellen, religiösen und sozialen Settings von den Menschen aufgenommen und genutzt wurde sowie in welchem Maße Scheidungen als deviante Handlungen wahrgenommen wurden. Darüber hinaus fragt sie nach der Beschaffenheit der justiziellen und sozialen Strategien, die angewendet wurden, um mit Konflikten zwischen Ehefrau und Ehemann umzugehen (z.B. Mediation, Bestrafung, Bewältigungsmechanismen; Scheidung, Trennung etc.). Ein weiteres zentrales Forschungsinteresse konzentriert sich auf die Rolle von (sozialem) Geschlecht und Kultur in Recht und Praxis bzw. ‚Alltag‘ ehelicher Konfliktregulierung. Die Dissertation stützt sich in Abhängigkeit des jeweils geltenden Rechts auf eine Vielfalt an Quellen, die von Gerichtsakten über Scheidungsurkunden und andere Zivilstandsdokumente bis zu den relevanten Gesetzen und diskursiven Texten reichen. Diese Quellen werden mit quantitativen und qualitativen Methoden untersucht, wobei sich ihnen aus einer transnationalen Perspektive genähert wird, um den Kern dieses essentiellen Elements sozialer Ordnung zu erfassen.

 
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