Zuständiger Wissenschaftler

Dipl.-Soz. Gerd Bender
Gerd Bender
Wissenschaftler, Europabeauftragter
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Publikationen

Vernetzung im Forschungsprofil

Kompetenzbereich

Das Europa der Diktatur

Wirtschaftskontrolle und Recht

abgeschlossen

Das kurze 20. Jahrhundert, das mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs begann und mit der Auflösung der Sowjetunion und ihres Machtblocks eingangs der 1990er Jahre endete, brachte in Europa, viel stärker als dies etwa in Nordamerika der Fall war, einen jähen Bruch mit der Wirtschafts- und Werteordnung des individualistischen Liberalismus, wie sie im 19. Jahrhundert auf der theoretischen Ebene ausdifferenziert und – mit von Nation zu Nation unterschiedlich ausgeprägten etatistischen ‘Verlusten’ – in der gesellschaftlichen Realität verankert worden war. Angesichts der in einer breiten diskursiven Strömung wahrgenommenen Gerechtigkeitsdefizite des wirtschaftsliberalen Gesellschaftsmodells kam es schon im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer außerordentlich vielgestaltigen Gegenbewegung, deren thematisches Spektrum von sozialromantisch-reaktionären Idealisierungen der alten Gesellschaft bis zu radikalen Konzeptionen einer solidaristisch gewendeten industriellen Moderne reichte. Als gemeinsamen Nenner dieses so heterogenen Abschieds vom Liberalismus können wir neben dem Streben nach einer postindividualistischen – irgendwie ‘anti-kapitalistischen’ – Werteordnung das Ziel erkennen, der Politik via ‘Intervention’, ‘Kontrolle’, ‘Steuerung’, ‘Organisation’ oder ‘Planung’ zu einer Rückkehr ins Zentrum der Gesellschaft zu verhelfen und die Eigendynamik des ‘ungerechten’ und ‘verantwortungslosen’ ökonomischen Systems auf diesem Wege in die Schranken zu weisen.

Mit dem beginnenden zwanzigsten Jahrhundert sollte dieser im Interesse gesicherter Kollektivgüter forcierte Reimport der politischen Ambition sehr schnell eine außerordentliche Virulenz entfalten und in weiten Teilen unseres Kontinents systemsprengend werden. Es öffnete sich der Weg ins "age of extremes" (Hobsbawm), ins Zeitalter der sozialen Katastrophen, deren Folgen in Teilen noch die Gegenwart Europas beeinflussen. Europa wurde im Zuge der Totalisierung der Politik eben nicht nur zum genetischen Zentrum der wohlfahrtsstaatlichen Demokratie mit ihrem durch Institutionenpluralität domestizierten Interventionismus, ihren beträchtlichen Modernisierungseffekten und ihren weltweiten Ausstrahlungen. Zugleich wurde Europa zum Kristallisationsort neuer Despotien, waren doch große Flächen und wichtige Staaten in das Diktatursyndrom miteinbezogen. Neben der kommunistischen Sphäre, die den Osten des Kontinents über einen sehr langen Zeitraum hinweg umfasste, waren im Laufe des Jahrhunderts auch zahlreiche der heutigen EU-Länder von teilweise äußerst langlebigen Diktaturen betroffen, die zwar im Gegensatz zum Kommunismus mit dem Grundmuster der Privateigentumsgesellschaft nicht brachen, gleichwohl aber auf dem politisch-juridischen Feld ebenfalls weitreichende Umorientierungen herbeiführten.

Im Zuge dieser Umorientierungen entstehen in Europa verschiedene Varianten der diktatorischen Wirtschaftslenkung, deren rechtlicher Aspekt von dem durch das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte initiierten Forschungsprojekt beschrieben wurde.

 
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