Zuständiger Wissenschaftler

Dr. Douglas J. Osler
Douglas J. Osler
Wissenschaftler
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Vernetzung im Forschungsprofil

Forschungsprojekt | Abteilung I

Bibliografie der europäischen juristischen Literatur, 1450-1800

Ziel dieses Projekts ist die Herstellung eines bibliografischen Panoramas des juristischen Buchdrucks im Europa der Neuzeit. Es versucht, Antworten zu groß angelegten Fragen über die Herstellung und Verbreitung juristischer Texte im ganzen Europa zu geben, gleichzeitig aber die technischen Forderungen der Bibliografie akribisch zu respektieren. Jede gedruckte Auflage, die in der Bibliografie registriert ist, wird mit einer detaillierten Beschreibung ausgestattet, nämlich Autor, ausführliche Titelaufnahme, Imprint, Kolophon, Format, Bogensignatur im Fall der Bücher des 16. Jahrhunderts, und Paginierung; jedes Exemplar wird mit seiner individuellen Bibliothek und Signatur aufgenommen. Darüber hinaus wurde eine neue Methode, der „bibliografische Profile“, entwickelt, die die Frage von Edition und Issue sicher festlegen kann.

Die Bibliografie ist als Census konzipiert, d.h. sie wird durch die systematische Auflistung der gesamten Bestände einer Reihe wichtiger Bibliotheken erstellt. Dadurch ist es möglich, nicht nur einzelne Exemplare zu identifizieren, sondern auch die Merkmale der juristischen Sammlungen einzelner Bibliotheken zu untersuchen. Bibliotheksbestände werden entweder aus zuverlässigen veröffentlichten Katalogen (wie den British Library Short-title catalogues und dem berühmten Cambridge Katalog von Adams) oder durch direkte Autopsie aufgenommen.

Die ersten Ergebnisse des Projekts sind in einer Reihe von juristischen Bibliothekskatalogen, die die Bausteine des Census ausmachen, erschienen. Ein wesentlicher Teil des Projekts, der Census of Seventeenth Century Italian Legal Imprints, wurde 2009 in drei Bänden veröffentlicht. Dieser Census listet etwa 7.700 Editionen juristischer Werke auf, die zwischen 1601 und 1700 in Italien während der Gegenreformation publiziert wurden. Er beinhaltet nicht nur die Buchproduktion von über 1.000 Juristen, von denen viele längst vergessen sind, sondern auch eine Abteilung, in der die juristischen Quellen aufgelistet werden: Gesetze italienischer Städte und Regionen; Statuten von religiösen, kommerziellen und professionellen Verbänden; Ordnungen religiöser Orden und Kongregationen; und schließlich ein vollständiges Register von über 750 Ausgaben von Beschlüssen der Provinzial-, Diözesan- und Lokalsynoden. Dadurch versucht die Bibliografie, zum ersten Mal einen Teil der Barockjurisprudenz vorzustellen, d.h. die juristische Literatur eines italo-spanischen Rechtskreises, der einerseits zur Welt der französischen coutumes, arrêts und grandes ordonnances, andererseits zur eher humanistisch orientierten germano-holländischen Jurisprudenz, im markanten Gegensatz steht.

Zurzeit wird die Arbeit auf den germano-holländischen Rechtskreis konzentriert. Dieser wird in vier Bereichen untersucht:

1. Deutschland (16. Jahrhundert)

In seiner Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft identifiziert der große deutsche Rechtshistoriker des 19. Jahrhunderts, Roderich von Stintzing, die Entwicklung einer selbständigen deutschen Rechtswissenschaft im 17. Jahrhundert: Man konnte bisher, beteuert er, nur von einer Rechtswissenschaft in Deutschland reden; das 17. Jahrhundert erfüllte die Aufgabe, eine deutsche Rechtswissenschaft zu begründen. Aber schon im 16. Jahrhundert entdeckt er die Keime und Wurzeln, aus denen die Erscheinungen der folgenden Jahrhunderte gewachsen sind. Der Census versucht, einen bibliografischen Überblick über diese Wurzeln der deutschen Rechtswissenschaft zu geben. Als solcher beschränkt er sich nicht auf die im 16. Jahrhundert veröffentlichten Editionen, sondern er schließt auch die Editionen des 17. und 18. Jahrhunderts von jedem deutschen Juristen ein, der im 16. Jahrhundert tätig war. Der Census wird eine vollständige Bibliografie der Drucke aller deutschen Juristen bieten – also nicht nur von berühmten Namen wie Althusius, Borcholten, Mynsinger, Oldendorp, Schneidewein oder Vulteius, sondern auch Werke von hunderten weniger oder gar nicht bekannten Juristen nachweisen.

2. Die Niederlande (16. Jahrhundert)

Vor der Trennung gegen Ende des 16. Jahrhunderts zwischen dem katholischen Süden und dem protestantischen Norden waren die Niederlande im Wesentlichen von einer einzigen juristischen Kultur gekennzeichnet. Im ersten Jahrhundert der Neuzeit waren sie eine echte nutrix iurisconsultorum, aus der eine ganze Reihe von Juristen europäischen Ranges entstanden ist: Aytta, Curtius, Damhouder, Everardus, Hopper, Leoninus, Lipsius, Mudaeus, Peckius, Raevardus, Wamesius. Andere führende Juristen niederländischen Herkunft waren aus konfessionellen Gründen im protestantischen Deutschland tätig: Arumaeus, Gilkenius, Giphanius, Reyger, Sixtinus, Wamesius, Wesenbecius. In der Tat widmet Stintzing ein Kapitel seiner Geschichte der „niederländischen Schule“ des 16. Jahrhunderts. Dieser Teil der Bibliographie muss gleichzeitig als Teil einer germano-holländischen Rechtseinheit aufgefasst werden.

3. Die spanischen Niederlande (17.-18. Jahrhundert)

Nach der Teilung der 17 Provinzen der Niederlande sind zwei unterschiedliche Rechtskulturen je in den südlichen Niederlanden und in den protestantischen Vereinigten Provinzen entstanden. Im Süden, der bis 1713 unter spanischer Herrschaft stand, sind die Gemeinsamkeiten mit den barocken juristischen Kulturen von Italien, Spanien und Portugal vor allem durch die zentrale Rolle der katholischen Kirche sichtbar. Von zentraler Bedeutung ist das ius canonicum novissimum, das Vertreter vom Rang eines Andreae, Canisius, Lessius, Molanus, Vallensis, Van Espen hervorbrachte. Die fortwährende Beziehung zu den nördlichen Niederlanden ist gleichzeitig durch eine Reihe von eher „eleganten“ Juristen (Gudelinus, Perezius, Stockmans, Tuldenus, Zoesius) belegt.

4. Das Römisch-Holländische Recht (17.-18. Jahrhundert)

Mit der Gründung der holländischen Republik am Ende des 16. Jahrhunderts ist in den nördlichen Niederlanden die berühmte römisch-holländische juristische Schule entstanden, die von humanistischen Einflüssen inspiriert war, und die in einer engen kulturellen Beziehung zum protestantischen Norddeutschland stand. Diese Schule ist Gegenstand eines größeren Projekts, das bereits die Beschreibung von über 7.000 holländischen juristischen Drucken enthält. Ein Auszug aus dieser Datenbank wird demnächst für das Projekt Bibliografie Nederlandse Rechtswetenschap tot 1811 der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen als letzter Band über die nicht-akademischen Juristen veröffentlicht. Dieser Band schließt nicht nur holländische Praktiker wie Groenwegen van der Made, Van Leeuwen und Van der Linden ein, sondern berücksichtigt auch die Werke von berühmten Humanisten wie Brencmannus, Bynkershoek und Meerman. Gleichzeitig wurde ein globales Register von Exemplaren der juristischen Werke von Hugo Grotius, (zusammen mit einer Studie über die berühmte Erstaufgabe seines Meisterwerkes De jure belli ac pacis, Parisiis, 1625) vorbereitet.

 
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