Historische Normativitätsregime

Abteilung II

Die Wissenschaftler*innen der Abteilung beschäftigen sich mit Normativitätsregimen im europäischen Mittelalter, in Früher Neuzeit und Moderne. Wir legen unserer Arbeit ein weites Verständnis von Normativität zu Grunde und verstehen Rechtsgeschichte wie auch die Geschichte anderer Normativitätsregime – z.B. religiöser – als großen Translationsvorgang von Normativitätswissen. Gerade in einer theoretisch sensiblen Rekonstruktion dieser Prozesse sehen wir eine besondere Herausforderung rechtshistorischer Forschung, die ihre nationalen und transnationalen Traditionen kritisch weiterentwickelt. Der Blick auf „Regime“ des Normativen ermöglicht es, historische Konstellationen von Normen, Institutionen und Praktiken in ihrer Dynamik und in einer auch für globalhistorische Perspektiven offenen Weise zu analysieren. Die Forschungen zu historischen Normativitätsregimen nehmen Ergebnisse der früheren Forschungsschwerpunkte „Multinormativität“, „Translation“ und „Rechtsräume“, von Forschungsprojekten zu Regelungsregimen sowie Überlegungen zu Rechtsgeschichten in globalhistorischer wie wissenshistorischer Perspektive auf, wie sie in den letzten Jahren am Institut entwickelt worden sind.

Die Forschungsprojekte und Promotionsvorhaben der Abteilung sind in Forschungsfelder gruppiert. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir Normativitätswissen aus dem Feld der Religion, insbesondere in Forschungsprojekten zu geistlichen und weltlichen Rechtskulturen im europäischen Mittelalter sowie zu Kurie, Kirchenrecht und Moraltheologie in der Neuzeit. In regionaler Hinsicht liegt ein Schwerpunkt auf Forschungen zum deutschsprachigen Raum – insbesondere in den Forschungsfeldern Strafrechtsgeschichte und historische Kriminalitätsforschung sowie Sonderordnungen, nicht zuletzt dem Recht der Arbeitsbeziehungen im 19. und 20. Jahrhundert – sowie auf den Iberian Worlds. Ein wichtiges Anliegen ist es uns, transnationale und transregionale Bezüge deutlich zu machen, zum Beispiel in Arbeiten zu Strafrechtsregimen in transatlantischer Perspektive, zu normativer Diversität in Lateinamerika und Europa sowie in den nicht auf einen oder zwei Kontinente reduzierbaren Iberian Worlds. In einigen Forschungsprojekten steht die Analyse von Normativitätswissensregimen, also die Geschichte der Formen der Wissenserzeugung selbst im Mittelpunkt (Historische Normativitätswissensregime).

In einigen Fällen ergeben sich aus der Arbeit an den Forschungsprojekten Querschnittsthemen, zum Beispiel zu Recht und Text und Recht und Diversität. Hier können wir das vergleichende Potential nutzen, das sich aus der Beschäftigung der Wissenschaftler*innen der Abteilung mit unterschiedlichen Zeiten und Räumen ergibt. In sog. Gemeinschaftsprojekten – insbesondere Glocalizing normativities  – sind mehre Einzelvorhaben zusammengefasst, die in besonders enger Koordination durchgeführt werden. Zahlreiche Wissenschaftler*innen wirken gegenwärtig auch an dem Nachschlagewerk zu Grundbegriffen des Kirchlichen Rechts in Hispanoamerika und auf den Philippinen (16.-18. Jahrhundert), an der digitalen Edition von zentralen Texten der Schule von Salamanca und den Forschungen zur Rechtsgeschichte der Schule von Salamanca mit. In vielen Projekten werden Hilfsmittel (Bibliographien, Repertorien, Einführungen in die Forschung) und Nachschlagewerke (Wörterbücher) publiziert. Zunehmend entwickeln und nutzen wir Methoden der Digital Humanities, insbesondere im Blick auf die Rechtsgeschichte der Schule von Salamanca und in einem Projekt "Hyperazpilcueta". In besonderen Fällen führen Wissenschaftler*innen, die nicht am MPI beschäftigt sind, ein Forschungsvorhaben als Assoziierte Wissenschaftler*innen der Abteilung durch. Nicht zuletzt über die Institutsveranstaltungen wie das Kolloquium und das gemeinsame Forschungsfeld Rechtshistoriographie ist ein intensiver Austausch innerhalb des Instituts gewährleistet.

Forschungsfelder

Wissenschaftler*innen der Abteilung sind in vielfältigen Kooperationen engagiert. Wichtige institutionelle Kooperationen bestehen insbesondere mit der „Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz“ und der Goethe Universität Frankfurt im Rahmen der Arbeit zur Schule von Salamanca (seit 2013). Seit 2018 unterhalten wir gemeinsam mit dem Bonner Exzellenzcluster "Beyond Slavery and Freedom" eine Forschungsgruppe Law and Creation of Dependency in the Ibero-Atlantic. Diese wie auch eine Max-Planck-Partnergruppe in Chile zu Tributpflichten indigener Völker im Andenraum im 16. Jahrhundert (seit 2019) sind Teil des Gemeinschaftsprojekt Glocalizing Normativites. Wissenschaftler*innen der Abteilung II sind überdies beteiligt am EU-Projekt RISE (Beginn 2018), einem Projekt zur Strafrechtsgeschichte in Argentinien im Rahmen eines Max-Planck/MinCyT Projekts (Beginn 2019), einem drittmittelfinanzierten Forschungsvorhaben zur Sonderordnungen in der Metallindustrie (Beginn 2019) sowie einem LOEWE-Vorhaben zu Architekturen des Ordnens (Beginn 2020)

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