Eine Rechtsgeschichte von Frauen im kolonialen Brasilien

Band 15 der Open Access-Reihe ›Global Perspectives on Legal History‹ erschienen

8. April 2021

Luisa Stella de Oliveira Coutinho Silva legt in ihrer portugiesischsprachigen Monographie eine Rechtsgeschichte von Frauen im kolonialen Paraíba vor, einem an der Nordostküste Brasiliens gelegenen Kapitanat. Für den Zeitraum vom Ende der holländischen Besatzung (1661) bis zur brasilianischen Unabhängigkeit (1822) zieht die Studie eine Vielfalt traditioneller Rechtsquellen und anderer normativer Traditionen heran; sie analysiert zudem Dutzende von Fällen aus portugiesischen und brasilianischen Archiven.

Tarsila do Amaral, Composition (Lonely Figure), 1930, Photo: Eduardo Ortega

Im Mittelpunkt stehen die alltäglichen Lebenssituationen von Frauen in Bezug auf weltliche und kirchliche Gerichtsbarkeit. Zu den behandelten Themen gehören die Ehe und andere Familienformen, wie Alleinerziehende, unterschiedliche Erfahrungen von Mutterschaft (z.B. nach Vergewaltigung), Witwenschaft, Bigamie, Ehebruch und Scheidung. Die rechtlichen und normativen Erfahrungen verheirateter Frauen werden auch mit denen von Frauen verglichen, die in Klöstern, recolhimentos oder Gefängnissen lebten, sowie mit denen von Prostituierten. Das Buch untersucht darüber hinaus Fragen des Eigentums von Frauen an Gütern und Land und fragt, ob die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion ihre Handlungsspielräume in normativen Kontexten beeinflusste.

Die Autorin zeigt anschaulich, dass das Recht vor Ort dynamisch war und dass das Zusammenspiel multipler Normativitäten den Frauen je nach Lebenslage, Status, Religion und Sexualität verschiedene Möglichkeiten bot. Diese Untersuchung der Rechtspraxis im kolonialzeitlichen Paraíba stellt somit die Unveränderlichkeit der Kategorien von Geschlecht und Gender in Frage und belegt vielmehr deren Flexibilität.

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