Tridentinischer Anspruch und kirchliche Realitäten

Promotionsprojekt

Konzilskongregation und Apostolische Nuntien unter Papst Innozenz XI. (1676-1689)

Reste des im Jahr 1945 beim Brand des Stephansdoms zerstörten Türkenbefreiungsdenkmals von Edmund Hellmer, errichtet 1894 anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Verteidigung Wiens gegen die Osmanen 1683; heute bestehend aus den Bekrönungsfiguren der Madonna, des Kaisers Leopold I. und Papstes Innozenz XI. sowie einer neuen Gedenktafel. Foto mit freundlicher Genehmigung von Benedetta Albani (05.09.2014).

Das im Jahre 1563 abgeschlossene Konzil von Trient (1545-1563) hat ohne Zweifel eine grundlegende Erneuerung in der katholische Kirche eingeleitet und führte durch seine Reformdekrete der letzten Tagungsperiode des Konzils zu neuen Impulsen des innerkirchlichen Lebens. Doch während das Tridentinum von der Forschung eine beträchtliche Resonanz erfahren hat, gilt dies kaum für die im August 1564 unter Pius IV. gegründete Sacra Congregatio super executione et observantia sacri Concilii Tridentini, kurz Konzilskongregation. Die Aufgabe dieses Dikasteriums lag in der Durchführung, Förderung und seit 1588 in der authentischen Auslegung der Reformdekrete des Trienter Konzils.

Die Überwachung, Förderung und Umsetzung des innerkirchlichen Reformprogramms sollten ferner insbesondere seit dem Pontifikat von Gregor XIII. (1572-1585) von ständigen päpstlichen Vertretungen in Europa übernommen werden. Die Grundlage für das Handeln eines jeden Apostolischen Nuntius auf diplomatischer und kirchlicher Ebene bildeten dabei die vom Staatssekretariat beschriebenen Instruktionen (Weisungen) und Fakultäten (geistliche Vollmachten). So oblag dem päpstlichen Vertreter neben seinen diplomatischen Aufträgen zum Beispiel die Abhaltung von Visitationen der Bistümer und Klöster, die Bestellung geeigneter Personen zu Bischöfen, Kontrolle und Unterstützung des örtlichen Episkopats, Förderung des Priesternachwuchses, Kontrolle des Büchermarktes und anderes mehr.

Apostolische Nuntien mit ihren diplomatisch-geistlichen Aufgaben wurden in der Folge zu einer wichtigen Vermittlungsinstanz zwischen Rom und den lokalen Kirchen: einerseits agierten sie als notwendige Referenten für die römische Kurie und als Vertreter für die Justizadministration, andererseits waren sie neben dem ortsansässigen Episkopat ein wichtiger Anlaufpunkt für die Gläubigen, um benötigte Gratien, Absolutionen, Dispense oder Lösungen von Konflikten zu erhalten. Sofern demnach die Reformbeschlüsse des Trienter Konzils betroffen waren, die eine Auslegung durch die Konzilskongregation bedurften, ist eine Kooperation sowie ein Kommunikationsnetzwerk entweder direkt zwischen den Nuntien und der Konzilskongregation und/oder über das Staatssekretariat anzunehmen. Auf diese Weise vermochte Rom über die Verwaltung der Nuntiaturen trotz der geographischen Distanz auf lokaler Ebene einzugreifen, um Informationen und Entscheidungen zur Lösung spezifischer Rechtsstreitigkeiten sowie von Fragen zu erhalten.

Vor diesem Hintergrund richtet das Forschungsprojekt einen umfassenden Blick auf die konzise erstmalige Erfassung des Zusammenspiels zwischen den Nuntien und ihrer Beziehung zur Sacra Congregatio Concilii. Im Mittelpunkt steht exemplarisch die Nunziatura di Vienna in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wobei sich die Untersuchung auf einen der großen päpstlichen Diplomaten dieser Periode konzentrieren wird, auf Kardinal Francesco Buonvisi (1626-1700), der zwischen 1675 bis 1689 am Kaiserhof Leopolds I. seine Tätigkeit als Apostolischer Nuntius ausübte.

Das Forschungsinteresse richtet sich dabei auf drei Bereiche: erstens, auf die Zusammenarbeit von Nuntiatur, (Konzils-)Kongregation und Staatssekretariat. Warum und wann wandte sich der Apostolische Nuntius (direkt) an die Konzilskongregation beziehungsweise wann wurde die Nuntiatur vom Staatssekretariat bzw. der Konzilskongregation zur Klärung spezifischer Probleme eingeschaltet? Im Hinblick auf das Konzil von Trient und seiner Reformen stellen sich zweitens die folgenden Fragen: Was hat Kardinal Francesco Buonvisi über die (Nicht-)Akzeptanz der Reformdekrete von Trient in den verschiedenen Diözesen berichtet? In welchem Ausmaß und mit welchen Mitteln hat er selbst an der Durchführung des tridentinischen Reformprogramms mitgewirkt? Schließlich ist drittens zu untersuchen, in welchen Fällen und aus welchen Diözesen an das Gericht des Nuntius appelliert wurde? Wie wurden die Entscheidungen der Konzilskongregation sodann von Buonvisi auf der lokalen Ebene übertragen und wieviel Wirkkraft besaßen die Entscheidungen, die in Rom getroffen wurden, in den jeweiligen Diözesen und für den ortsansässigen Episkopat? Wie beeinflusste das konkurrierende juridische Entscheidungssystem von Nuntien und (Erz-)Bischöfen das juridische Verfahren innerhalb der Konzilskongregation und welche Konsequenzen hatte diese Konkurrenz für die Justizverwaltung?

Die jüngste Forschung hat sich bislang auf den Archivbestand der Nuntiaturkorrespondenz konzentriert, also auf den Schriftverkehr zwischen den Nuntien und dem Staatssekretariat, da bisher die diplomatisch-politische Bedeutung der Kaiserhof-Nuntiatur im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stand (z. B. die Förderung der antiosmanischen Allianz durch Papst Innozenz XI. Odescalchi). Eine Zusammenschau der Quellen der Konzilskongregation in Verbindung mit den noch unveröffentlichten Tribunalsakten der Wiener Nuntiatur im Archivio Segreto Vaticano vermag in exemplarischer Weise die Diskrepanz zwischen dem tridentinischen Anspruch und der kirchlichen Wirklichkeiten auf der lokalen Ebene anhand einer Analyse der Beziehung zwischen Nuntiatur und Konzilskongregation offen legen und dabei neue Einblicke in die Regierung der Universalkirche in der nachtridentinischen Epoche zu geben.

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