Projektleitung

Prof. Dr. Thomas Duve
Thomas Duve
Direktor
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Zuständige Wissenschaftler

Dr. Manuela Bragagnolo
Manuela Bragagnolo
Wissenschaftlerin SFB 1095 "Schwächediskurse und Ressourcenregime"
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Otto Danwerth
Otto Danwerth
Wissenschaftler SFB 1095 "Schwächediskurse und Ressourcenregime"
Telefon: +49 (69) 789 78 - 167
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Prof. Dr. Gustavo César Machado Cabral
Gustavo César Machado Cabral
Assoziierter Wissenschaftler

Pressemeldung der MPG

Artikel in Max-Planck Forschung Ausgabe 4/16, S. 70-76 (02/2017)

Einschlägige Publikationen

1.
Agustín E. Casagrande
Literatura Práctica en el siglo XVIII. El orden procesal en la historia de la justicia rioplatense
2.
Otto Danwerth
La circulación de literatura normativa pragmática en Hispanoamérica (siglos XVI-XVII)
3.
Otto Danwerth, Teresa Dittmer, Seto Hardjana, Daniel Hausmann, Nicolas Perreaux, Linda Richter, Christian Schleidler, Frederic Steinfeld, David Weidgenannt
Resources in a Social World
4.
David Rex Galindo, Melina Kalfelis, José Luis Paz Nomey
Agency and Asymmetries: Actors and their Access to Resources in Colonial and Developmental Setting

Vernetzung im Forschungsprofil

SFB 1095

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Das Wissen der Pragmatici

Präsenz und Bedeutung pragmatischer normativer Literatur in Iberoamerika im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert

Mit der Errichtung erster Siedlungsposten in der Karibik, Zentralamerika und auf dem südamerikanischen Subkontinent stand die spanische Monarchie spätestens seit den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts vor der Aufgabe, mit einer verhältnismäßig geringen Zahl von Personen und Material Herrschaft über große Völker und weite Distanzen zu etablieren. Angesichts dieser Ressourcenknappheit kam der Verhaltenssteuerung entscheidende Bedeutung zu – in Bezug auf die aus Europa kommende Bevölkerung, aber auch in Bezug auf die indigenen Einwohner.

In diesem weiten historischen Kontext hat das Teilprojekt des 2015 begonnen Sonderforschungsbereichs 1095 ‘Schwächediskurse und Ressourcenregime‘ an der Goethe-Universität Frankfurt danach gefragt, welche Normen und Medien von der Mitte des 16. bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts im Bereich der iberischen Monarchien für diese Verhaltenssteuerung eingesetzt wurden. Es geht also um ‚Normativität‘, um deren Quellen und Medien, nicht zuletzt um ‚Recht‘, und um die Funktionalität dieser normativen Ordnungen. Doch standen im Vorhaben weniger die klassischen Quellen der Rechtsgeschichte im Mittelpunkt, also die großen Textmagazine mit Sammlungen obrigkeitlicher Normsetzung oder andere frühneuzeitliche Rechtsquellen aus kastilischer Tradition und ius commune. Besondere Aufmerksamkeit wurde vielmehr solchen modi von Normativität und ihren spezifischen Medien gewidmet, die sich in erster Linie an ‚Praktiker‘ richteten – und hier vor allem solchen, die man zur Moraltheologie, zu pastoraler oder katechetischer Literatur zählen würde. Denn Studien zu Buchbesitz und -zirkulation in der Neuen Welt deuten darauf hin, dass es vor allem solche populären Werke und Darstellungsformen waren, kleine Handbücher, Zusammenfassungen größerer moraltheologischer und zum Teil auch juristischer Abhandlungen, die in Hispanoamerika in besonderem Maße verwendet wurden.

Die Hypothese des Projekts lag darin, dass diese ‚pragmatische Literatur‘ – und hier insbesondere ihr stärker auf eine moraltheologische Tradition zurückgehender Teil – wegen der ihr eigenen Komplexitätsreduktion von besonderer Bedeutung und hoher Funktionalität in der frontier-Situation eines weite Distanzen und geringe Kontrolldichte aufweisenden frühneuzeitlichen Imperiums gewesen sein dürfte: gerade weil es sich nicht um differenzierte Anweisungen, um ein voraussetzungsreiches normatives Gerüst oder um direkten obrigkeitlichen Befehl handelte. Was man als ‚Schwäche‘ ansehen konnte, mag also eine ‚Stärke‘ gewesen sein: Gerade in ihrem Reduktionismus könnte eine Funktionalität dieser ‚pragmatischen Literatur‘ gelegen haben; statt auf Befehl und Vollstreckung setzten die Werke auf den ins Innere des Menschen verlagerten, rituell-diskursiv stabilisierten Zwang des Gewissens.

Nicht nur, weil man dabei an christliche Traditionen eines Schwächediskurses anknüpfen konnte, waren diese Texte ‚schwach‘ und ‚stark‘ zugleich: ‚Schwach‘ waren sie auch, weil sie im Vergleich zu den anspruchsvollen gelehrten Traktaten theoretisch unterkomplex waren und in der Regel keine irdische Zwangsgewalt zur Verfügung hatten; ‚stark‘ dagegen in der Pragmatik, weil sie anpassungsfähige normative Grundlagen boten und an Legitimitätsvorstellungen und moralische Grundannahmen anknüpfen konnten, die Teil der moral economy der kolonialen Gesellschaft wurden. Nicht zuletzt in imperialen Peripherien, wie es die amerikanischen Territorien zu Beginn insgesamt waren und wie weite Teile Amerikas es auch nach der Etablierung von verschiedenen Zentren in der zusammengesetzten Monarchie noch lange blieben, waren anpassungsfähige pragmatisch aufbereitete Medien der Verhaltenssteuerung wie etwa Beichtliteratur, Katechismen und moraltheologische Anleitungen besonders wichtig: Auch dort, wohin kein Gesetzesbefehl gelangte, wurden durch kirchliche Institutionen und Akteure, aber auch durch die Omnipräsenz religiöser Symbole und deren Einschärfung, konkrete Regeln ‚richtigen‘ Verhaltens eingeübt.

Die im Rahmen des Forschungsprojekts durchgeführten Untersuchungen konnten die Vermutung erhärten, dass es diese spezifische Ressourcenkonfiguration war, mit der überhaupt nur ein Mindestmaß an normativen Ordnungsvorstellungen und damit auch Herrschaft etabliert werden konnte: Juridische Normativität und in einem Prozess der Differenzierung sich verfestigende Institutionen – zentrale Ressourcen des europäischen frühmodernen Staates – wurden durch religiöse Normativität und pragmatische Literatur, mit ihren charakteristischen Auslegungsspielräumen, substituiert. Eine im Vergleich zu aus Europa bekannten Situationen ‚schwache‘, im Vergleich zur Herausforderung des kolonialen Projekts freilich funktionale normative Ordnung entstand.

Überdies konnte das Projekt dazu beitragen, nicht nur die praktische Bedeutung und Funktionalität, sondern auch die intellektuelle Leistung einer lange Zeit kaum beachteten Quellengattung in ein anderes Licht zu rücken. Denn in der dieser Literatur eigenen Verknappung ist nicht – wie oft vermutet – eine bloße ‚Vulgarisierung‘, sondern im Gegenteil eine bewusste und beachtliche Abstraktionsleistung zu sehen.

Verschiedene Einzeluntersuchungen haben zur Beantwortung der übergreifenden Fragestellung beigetragen (siehe Unterprojekte). Neben der Beschäftigung mit der Buchzirkulation im frühneuzeitlichen Iberoamerika wurden komplementäre Fallstudien durchgeführt, welche die Prozesse der Wissenskomprimierung sowie die Funktionalisierung moraltheologischer und rechtlicher Grundlagen durch pragmatische Literatur in Mexiko und Südamerika analysierten. Diese Arbeiten haben unseren Kenntnisstand zu den Ausgangsfragen erheblich erweitert und zu wichtigen Einsichten, Analysen und Quellenfunden sowie zu neuen Perspektiven geführt.

Die zentralen Ergebnisse des im Herbst 2018 abgeschlossenen Forschungsprojekts werden in einem elf Beiträge umfassenden Band 2019 veröffentlicht: Thomas Duve / Otto Danwerth (eds.): Knowledge of the Pragmatici: Legal and Moral Theological Literature and the Formation of Early Modern Ibero-America. Neben einem Blick auf das europäische Mittelalter werden darin die iberische Halbinsel sowie Mexiko, Peru, Neugranada, Río de la Plata und Brasilien zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert behandelt.


Bild: Biblioteca de la Recoleta, Arequipa/Peru (Foto: Otto Danwerth)

 
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