Das Völkerrecht und seine Wissenschaft, 1789-1914
Das Projekt untersucht paradigmatische Veränderungen rechtlicher Strukturen in den internationalen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Von Interesse sind sowohl Völkerrechtspraxis als auch Völkerrechtswissenschaft. Ziel ist, in einem interdisziplinären Forschungszusammenhang das Völkerrecht als einen eigenen Typus normativer Ordnung zu begreifen und seine historischen Strukturmerkmale zu analysieren: Welche Ziele und Werte konstituiert das Völkerrecht des 19. Jahrhunderts? Wer waren die Akteure und welcher juristischen Instrumente bedienten sie sich? In welcher Form universalisierten sich globale Normen und Ordnungen?
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| Die Globalisierung des Völkerrechts und seiner Wissenschaft: Henry Wheatons "Elements of International Law" visualisiert durch die symbolische Synthese von Globus und chinesischen Schriftzeichen den universellen Geltungsanspruch des internationalen Normen- systems. Die Zeichnung findet sich nur in der seltenen chinesischen Übersetzung von 1864; das Gegenstück, das Wheatons Lesern die gegenüberliegende Hemisphäre zeigt, ist hier nicht abgebildet. |
Die internationalen Strukturen weisen im Forschungszeitraum eine bemerkenswerte Entwicklung auf: Zwischen dem Ende des Ancien Régime und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs entwickelt sich das Völkerrecht von einem Koexistenz- zu einem Kooperationsrecht. Neue internationale Regimes zur Regulierung von mannigfaltigen politischen, sozialen und ökonomischen Interessen werden gegründet. Die Staatenbeziehungen werden in zunehmendem Maße verrechtlicht. Prinzipien wie die Grundrechte der Staaten oder die internationale Gemeinschaft treten hervor. Ideen, wie die der Menschenrechte und des internationalen Friedens, werden weiterentwickelt und konkretisiert. Zwischenstaatliche Organisationen beginnen, die internationalen Beziehungen zu gestalten. Dabei ist ein Prozess der Universalisierung des Völkerrechts zu beobachten.
Die Titelseite der amerikanischen Illustrierten vom 14. November 1874 zeigt jene Völkerrechtler, die im Rahmen der "International Association for the Reform and Codification of the law of nations" in Genf zusammentrafen.
Dieser Wandel in der Völkerrechtspraxis wird publizistisch begleitet, forciert und reflektiert durch zahlreiche Völkerrechtswissenschaftler. Neben einzelnen Autoren, von denen nur beispielhaft Georg Friedrich von Martens, Theodor Schmalz, Julius Schmelzing, Friedrich Saalfeld, Carl Baron Kaltenborn von Stachau, Robert von Mohl, Henry Wheaton, August Wilhelm Heffter, August von Bulmerincq, Carl Bergbohm, Johann Caspar Bluntschli, Leopold Neumann, James Lorimer, William Edward Hall, Fedor Fedorowitsch von Martens, Carlos Calvo, Henry Bonfils, Franz von Liszt, John Westlake, Frantz Despagnet und Lassa Oppenheim genannt werden sollen, zeugt insbesondere die Gründung des Institut de Droit International von Bedeutung und Einfluss der Wissenschaft auf das sich neu erfindende völkerrechtliche Normensystem.
Die wissenschaftliche Begleitung des Verrechtlichungsprozesses durch die Autoren ist hierbei ein besonderes Anliegen unserer Forschungen: Wie kommentierten sie die im Verlauf des 19. Jahrhunderts erfolgten Institutionalisierungen, wie begleiteten sie die Prozesse der Aushandlung einer internationalen normativen Ordnung in ihren zeitgenössischen Interpretationen und historischen Narrationen? Welche alternativen Ordnungsvorstellungen entwarfen sie? Die Frage nach universalistischen Gerechtigkeitsansprüchen einer Weltordnung, sei es ausgehend von der
Völkermoral oder der Forderung nach
gleichen Verträgen bis hin zur
Abwicklung von Staatsbankrotten, die sich in und durch Völkerrecht vollzogen, ist hierbei ein Aspekt, genauso wie die Entstehung und Etablierung
allgemeiner Rechtsprinzipien des Völkerrechts unter Berücksichtigung des zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurses.
Die
Forschergruppe besteht derzeit aus dem Projektleiter sowie fünf Doktoranden und ist auf fünf Jahre geplant.
Vorträge und gedruckte Publikationen geben Auskunft über die bisher erzielten Forschungsergebnisse. Am Ende des Projekts sollen mehrere Monographien vorgelegt werden.
Zuständige Mitarbeiter/Wissenschaftler
Publikationen
Kooperationen/Tagungen
Der Forschungsschwerpunkt ist Teil des DFG-Exzellenzclusters 243
Formation of Normative Orders.
Tagung Weltwirtschaft und Völkerrecht im 19. Jahrhundert
In Zusammenarbeit mit Ökonomen des Exzellenzclusters fand am 03. und 04. September 2009 ein internationaler Workshop zum Thema "Völkerrecht und Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert" statt. Gegenstand war die Internationalisierung der Ökonomie aus völkerrechts- und wirtschafts-(theorie)geschichtlicher Perspektive.
Nähere Informationen zu Workshop, Referenten und Themen entnehmen Sie bitte dem
Programmflyer und
Call for papers.
Tagung Storia teoria e diritto internazionale. La costruzione di una disciplina
Im Mai 2009 wurde von der völkerrechtsgeschichtlichen Gruppe in Kooperation mit Prof. Luigi Nuzzo eine internationale Tagung in Lecce organisiert. Institutionelle Veranstalter der Tagung waren das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte und die Università del Salento (Lecce). Unterstützt wurde die Veranstaltung durch die Alexander von Humboldt-Stiftung, Scuola Superiore Isufi. Euromediterranean Law and Politics Section, Dipartimento di studi giuridci, Banca Monte Dei Paschi di Siena, Comune di Copertino, Ministero dei beni culturali sowie durch den Exzellenzcluster 243 „Normative Orders“. Leitfrage war die disziplinäre Entstehung der Völkerrechtswissenschaft im Verlauf des 19. Jahrhunderts, die insbesondere durch die spanische Spätscholastik und das frühneuzeitliche Naturrecht (insbesondere Grotius und Vattel) vorbereitet wurde. Dieser Prozess wurde in seinen verschiedenen Facetten, Bedingungen und internationalen Rezeptionsvorgängen beleuchtet; auch einzelne Personen und ihr völkerrechtliches Werk wurden untersucht. Die zunehmende Autonomie des Fachs gegenüber Philosophie und Theologie wie auch die vielfältigen Versuche einer juristischen Konstruktion und vertraglichen Positivierung spielten eine zentrale Rolle. Treibende Kraft war eine international vernetzte Gruppe von Juristen, die sich publizistisch und in der diplomatischen Praxis in besonderer Weise engagierten. Selbstverständlich spiegelten sich in ihren Ansätzen, verbindliche juristische Regeln für die zwischenstaatlichen Beziehungen zu entwerfen, auch die zeitgenössischen Entwicklungen nicht nur der Politik, sondern auch der Ökonomie, der Technik und der Philosophie. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant. Nähere Informationen zu Workshop, Referenten und Themen entnehmen Sie bitte dem
Programmflyer.
Vernetzung im Forschungsprofil
Forschungsschwerpunkt Völkerrechtsgeschichte
Forschungsprojekt Recht und gesellschaftliche Selbstnormierung
Forschungsprojekt Prinzipien und Rechtsquellen des Völkerrechts, 1789-1914


