Max-Planck-Gesellschaft
Max-Planck-Institut fuer europaeische Rechtsgeschichte

Forschungsstelle "Edition und Bearbeitung byzantinischer Rechtsquellen" der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Byzanz, das oströmische Kaiserreich, das seit der Gründung Konstantinopels durch Konstantin den Großen über mehr als ein Jahrtausend eine bedeutende, lange Zeit sogar die wichtigste Macht des europäisch-mediterranen Kulturkreises war, gewinnt im Bewußtsein der neueren Geschichtsschreibung vom Mittelalter zunehmend an Bedeutung. Zwar findet für den Westen das Corpus Iuris Civilis, die im 6. Jahrhundert geschaffene monumentale Kodifikation Justinians, als Übermittler des klassischen römischen Rechts in Mittelalter und Neuzeit großes Interesse, doch bleibt oft unbeachtet, daß das Corpus Iuris Civilis im Osten eine ununterbrochene Fortwirkung in griechischer Sprache hatte und nicht nur innerhalb der räumlichen und zeitlichen Grenzen des byzantinischen Reiches Grundlage des Rechts blieb. In seinen byzantinischen Transformationsstufen wurde es während des Mittelalters auf dem Balkan, von den Ostslaven und von den Völkern des christlichen Orients rezipiert. Noch in der Neuzeit war es geltendes Recht in den rumänischen Fürstentümern und im wiedererstandenen griechischen Königreich. So läßt sich anhand byzantinischer Rechtsquellen die kontinuierliche Fortentwicklung einer hochentwickelten, stark literarisch bestimmten Rechtskultur unter den sich wandelnden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen studieren.

Leon III. Konstantin V.

Nomisma der Kaiser Leon III. und Konstantin V., die im Jahre 741 das Ecloga genannte Rechtsbuch promulgierten.

Mit der Osterweiterung des politischen Europa hat die Kenntnis der byzantinischen Rechtskultur und ihrer Fortsetzung in den slavischsprachigen Ländern besondere Aktualität und konkrete Bedeutung gewonnen. Chancen und Hindernisse einer Wiederannäherung und Vereinheitlichung der Rechtsordnungen West- und Südosteuropas sowie Osteuropas lassen sich nur im Bewußtsein der Wurzeln und Traditionen beider Rechtskreise beurteilen. Die Entwicklungen im modernen Rußland sind ohne Kenntnisse der byzantinischen Wurzeln des dortigen Staats- und Herrschaftsverständnisses nicht zu begreifen.

Außerdem war Byzanz etwa 900 Jahre lang mit dem Islam konfrontiert. Die vielfältigen wechselseitigen Beziehungen sind noch ganz unzureichend erforscht. Die Arbeitsstelle leistet für diese Aufgabe durch die Erschließung und Sicherung der relevanten Texte eine wesentliche Vorarbeit.

Voraussetzung aller Forschungen zur byzantinischen Rechtsentwicklung ist die Erschließung und Sicherung ihrer Textgrundlagen. Als Voraussetzung für eine solche Arbeit wurde ein umfassendes, international einzigartiges Archiv auf Mikrofilm erfasster Dokumente angelegt, das Forschern weltweit zur Verfügung steht und bereits viele andere Projekte ermöglicht hat. Es stellt die Basis dar für eine Bestandsaufnahme der Überlieferung des byzantinischen Rechts durch kritische Editionen noch nicht oder unzureichend edierter Texte, für die Erstellung von Hilfsmitteln (Repertorium) sowie für die Durchführung sprachlich und inhaltlich orientierter Untersuchungen zum byzantinischen Recht im weitesten Sinne. Dabei ist eine strikte Trennung weltlicher und kanonischer Quellen weder möglich noch sinnvoll, weil das byzantinische Rechtsleben auf beide Quellenarten zurückgreift.

Zuständige Mitarbeiter/Wissenschaftler

Wolfram Brandes

Ludwig Burgmann

Andreas Schminck

Lars Hoffmann (ab 1.10. 2010)

Publikationen

Das Projekt publiziert seine Ergebnisse in den "Forschungen zur byzantinischen Rechtsgeschichte". Von den gegenwärtig betriebenen Projekten ist in erster Linie auf den Band II des "Repertoriums der Handschriften des byzantinischen Rechts" (A. Schminck) zu verweisen, der noch 2010 erscheinen wird. Band III soll dann im Jahre 2013 publiziert werden. Die Arbeiten an der sog. Peira des Eustathios Rhomaios (Text und Übersetzung) wird von L. Burgmann fortgesetzt. Die Edition des Kommentars des Alexios Aristenos zur Synopsis canonum (E. Papagianni/Sp. Troianos) ist abgeschlossen. Sie wird zusammen mit den Prolegomena (L. Burgmann) 2012 in den Fontes Minores (Band XII) erscheinen. Vier weiter Bände sind im Druck. [mehr]

Vernetzung im Forschungsprofil

Forschungsschwerpunkt Erschließung von Quellen zur europäischen Rechtsgeschichte

Forschungsschwerpunkt Recht als Zivilisationsfaktor im ersten Jahrtausend

Forschungsschwerpunkt Recht und Religion in historischer Perspektive

Forschungsprojekt Edition, Übersetzung und Kommentierung einer byzantinischen Konziliengeschichte (9. Jahrhundert)

Kooperationspartner

Akademie der Wissenschaften Göttingen